Satellit¹
Das Porträt in der Kunstkritik
Das Porträt gilt als eine der ältesten Gattungen der Kunstkritik und steht heute unter besonderem Druck. Als Format, das strukturell auf Nähe und Einverständnis zwischen Schreibenden und Porträtierten setzt, tendiert es zur Affirmation. Diese Tendenz verstärkt sich durch eine Verschiebung im Kunstjournalismus: Rezensionen weichen zunehmend Interviews und kritische Beurteilung weicht dem Gespräch mit Künstler:innen, die ihre Werke selbst kommentieren und kontextualisieren – als wären die Produzent:innen zugleich die besten Interpret:innen ihrer eigenen Arbeit. Kritik wird durch Selbstauskunft substituiert, das Urteil durch Einverständnis.
Doch wäre es zu einfach, das Porträt allein als Symptom eines affirmativen Journalismus zu lesen. Es bleibt ein Format mit genuiner Erkenntniskraft – sofern es seine eigene Logik kritisch befragt und verhandelt. Das Gespräch, das Nahbild, die Beziehung zwischen Schreibenden und Porträtierten bergen Potenziale, die weit über die Funktionen einfachen Marketings hinausgehen. Wie sieht eine Kunstkritik aus, die das Porträt nicht aufgibt, sondern schärft? Welche Formen, welche Haltungen, welche Formate ermöglichen kritische Distanz ohne Kälte, Nähe ohne Komplizenschaft? Wie ändern sich die Verhältnisse, wenn Künstler:innen einander befragen, oder wenn Kunstschaffende versuchen, sich als Person gänzlich zu entziehen, und welchen Anteil haben institutionelle Formen historischer Repräsentation daran?
Die Strategien der ersten Ausgabe des Satelliten sind dabei bewusst divergent: Daniel Gianfranceschi erörtert am historischen Fallbeispiel von Stanley Brouwn – einem niederländisch-surinamischen Konzeptkünstler, der sich nahezu jeder Form öffentlicher Repräsentation entzog – den Versuch einer Praxis konsequenter Vermeidung personaler, künstlerischer Erscheinung und den damit einhergehenden produktiven Widersprüchen. Der Künstler Jari Genser setzt in leichtfüßigem Ton bei Oskar Kokoschkas Diktum an, jedes Bild sei ein Selbstporträt. Damit erkundet er die Grenzen und Paradoxien des gemalten Porträts in einer Zeit, in der Bilder zunehmend maschinell generiert werden und die Kategorie der ‚persönlichen Handschrift‘ neue Relevanz gewinnt. Anežka Ondračková untersucht institutionelle Formen weiblicher Repräsentation anhand des Trends der großen Retrospektiven und fragt kritisch, ob jede großangelegte institutionelle Auseinandersetzung mit dem Lebenswerk einer Künstlerin letztlich zu einem Porträt verkomme, das die strukturellen Versäumnisse jahrhundertelanger Kulturpolitiken wiederholt und potenziert. Die Künstlerin Agnes Scherer führt jenseits starrer Frage-Antwort-Schemata mit der Künstlerin Sigrid Langrehr einen aufrichtigen Dialog über deren Kunstpraxis. Dabei entwickelt sie ein Gespräch im Sinne einer freundschaftlichen, interessierten Unterredung, das über einen längeren Zeitraum entstanden ist und sich spürbar jeweils dort fortsetzt, wo die Antwort sie hinführt. Emilia Webhofer zeigt in ihrem Interview mit Rosa Schurian-Stanzel, wie die Interviewform buchstäblich zum performativen Akt werden kann. Sie erarbeitet nicht zuletzt dank körperlichen Einsatzes ein alternatives Porträt, das ebenso Teil der Künstlerin wird als auch ihrer Kunstpraxis selbst.
In dieser ersten Ausgabe des Satelliten steht vor jedem Text eine Einleitung, die die Arbeit der jeweiligen Autor:innen im Kontext des „Porträts in der Kunstkritik“ verortet.
Herausgegeben von
Niklas Koschel, Leona Remler und Veronika Sattlecker
Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS)
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Die Aula der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ein lautes Hallen durchdringt die historischen Räume. Die Performance-Künstlerin und Kostümbildnerin Rosa Schurian-Stanzel (*1999, lebt und arbeitet in Wien) tänzelt auf die Interviewerin zu. Die beiden treffen sich für ein performatives Interview voller Requisiten, die Schurian-Stanzels multidisziplinäres Schaffen erfahrbar machen. Skripte werden aufgebrochen, Rollen umgedreht, Sprachbilder wörtlich genommen.
Vielleicht habt ihr schon einmal jemanden sagen hören, im Grunde sei jedes Bild ein Selbstporträt. Dieser Satz stammt, wenn man den Computermodellen, die unser Wissen verwalten, glauben darf, von Oskar Kokoschka. Ich habe diesen Satz immer für Unsinn gehalten. So wie überhaupt Sätze, die eine Behauptung für „alles“ aufstellen mich immer angespornt haben, die Ausnahme zur angeblichen Regel zu finden. Wenn jedes Kunstwerk persönlich ist – oder politisch (Orwell), oder ein Zitat (Sontag) –, wozu haben wir dann dieses spezielle Wort?
With the first major retrospective in Austria of the artist Charlotte Perriand coming up this May, we might stumble upon the fact that the title “first major retrospective exhibition of … (insert name of famous woman artist)” is not an isolated phenomenon but rather is becoming an almost normal event, that is, at least within the last decade or so. Charlotte Perriand, Eva Hesse, or Maria Bartuszová. These names are only a couple of those that many of the world's leading contemporary galleries and museums, such as the Tate, the Guggenheim Museum, or the Museum der Moderne Salzburg have been...
Agnes Scherer führt mit der Künstlerin Sigrid Langrehr einen direkten Dialog über deren Kunstpraxis und entwickelt dabei ein Gespräch jenseits starrer Frage-Antwort-Schemata im Sinne einer freundschaftlichen, interessierten Unterredung, die über einen längeren Zeitraum entstanden ist.
artistic production, as the name already entails, has long been viewed as a merely additive, arduous process. Michelangelo's David remains the benchmark for artistic accomplishment—the idea that intense labor must produce something undeniably great, however relative “greatness” may be. yet, the art world operates on a quiet contradiction: it claims to embrace everything while leaving almost no room for true nothingness.
