Vom Fliegen. Im Gespräch mit Sigrid Langrehr
3. Mai 2026
Agnes Scherer
Editorial magazin53a
Selbst Künstlerin, führt Agnes Scherer mit der Künstlerin Sigrid Langrehr einen direkten Dialog über deren Kunstpraxis und entwickelt dabei ein Gespräch jenseits starrer Frage-Antwort-Schemata im Sinne einer freundschaftlichen, interessierten Unterredung, die über einen längeren Zeitraum entstanden ist.
Das Gespräch entfaltet sich entlang assoziativer, imaginativer Fragen: Warum träumen wir nah am Boden? Was passiert, wenn man tote Vögel durch den Wald trägt? Und was verbindet Fahrstuhlmusik und Bildschirmschoner? Diese Ausgangspunkte führen zu einer Auseinandersetzung mit Langrehrs künstlerischer Praxis, die hauptsächlich mit Video und Fotografie, Installation und Sound arbeitet.
Sigrid Langrehr sucht in ihren Arbeiten Schlupflöcher in scheinbar starren Systemen. Durch Umkehr, Übertreibung oder Irritation zeigt sie gesellschaftliche und mediale Mechanismen auf und macht den Alltag als fremden Planeten erfahrbar. Nicht zuletzt wendet sie sich dabei der Form des Musikvideos zu, einem Format, das kunsthistorisch schon immer auch Wege der Avantgarde beschritten hat. Langrehrs Praxis setzt eben hier in der technischen Verbindung medial getrennter Formen wie Musik und Bild an und der Idee einer Synchronisation unterschiedlicher Ausdrucksebenen.
Das Artist-on-Artist-Gespräch zeigt, wie sich ein Porträt entwickeln kann, wenn es keine finalen Antworten sucht, sich aber Zeit für Umwege und Assoziationen nimmt, um die Komplexität einer künstlerischen Praxis zu erfassen.
Agnes Scherer: Viele Menschen träumen nachts vom Fliegen. Dabei ist die geträumte Flughöhe laut Forschung oft relativ gering, manchmal nur knapp über Bodenhöhe. Rein spekulativ gefragt: Warum wohl träumt man sich nicht in Vogelhöhe, sondern in den Tiefflug?
Sigrid Langrehr: Was du beschreibst, stelle ich mir als 2D-Fliegen – eher geradlinig und in gleichbleibenden Abstand zum Untergrund – vor, quasi als Fahrt über den Boden, nur ohne Vehikel. Das Fliegen im dreidimensionalen Raum, also auch in die Höhe, fühlt sich lebendiger, mutiger, gefährlicher, aber auch lustiger an, weil es viel mehr Möglichkeiten bietet. Ein wesentlicher Grund, lieber tief zu fliegen, könnte ein Mangel des Traumhirns an der Lust auf viele schnelle Entscheidungen sein, die man ständig tagsüber treffen muss – Entscheidungen, die auch ein geträumter Höhenflug bräuchte. Im Wachzustand bewegt man sich permanent im analogen und virtuellen 3D-Raum mit all seinen Möglichkeiten und Entscheidungen. Das Traumhirn gleicht diesen Zustand vielleicht mit dem „Sicherheitsflug in Bodennähe“ aus?
Agnes Scherer: Den 2D-Gedanken und den Vergleich zur Fahrt über den Boden finde ich spontan sehr stimmig. Beim Träumen werden wir sozusagen zum fliegenden Wels oder sogar zum „Schienen-Wels“. Vielleicht ist Fliegen da der falsche Begriff.
Sigrid Langrehr: Ja, vielleicht – da steht Schienen-Wels gegen Habicht. Das Fluggefühl kenne ich vom Surfen. Der Turn auf der Welle ganz oben fühlt sich an wie Fliegen. Das hat mit Luft und mit Schwerkraft zu tun. Also im Weltraum schwer vorstellbar – das Fliegen. Atmen, eintauchen und die Wasseroberfläche durchbrechen. Fliegen, to fly, im Flow sein. Eher so.
Agnes Scherer: Die Frage nach dem Bedeutungsunterschied zwischen Fliegen und Schwerelosigkeit, also dem Haftungsverlust, hab’ ich mir auch gestellt, als ich deine Lied- bzw. Video-Trilogie wieder angeschaut habe. Du behandelst in diesem Zyklus das Thema Tod in drei sehr unterschiedlichen Stimmungsbildern, die anscheinend auch unterschiedliche Spielarten des Fliegens thematisieren. Dazu gehört das Sterben als ein sich aus dem Klinikbett ins All hinausschießen wie in LOST MY friend in space (2024), als eine Art Schleudersitzmetapher. Oder etwa das Sterben als Außerkrafttreten der Bodenhaftung in spread (2024), wo das Seil einer umgedrehten, scheinbar wie ein Ballon in die Höhe treibenden Luftakrobatin zum Anker wird. Die gespielten Flüge oder Scheinflüge der Vogelpräparate in birds_cry (2024) habe ich hingegen als etwas anders gelagert empfunden – ist hier auch Ironie im Spiel?


Sigrid Langrehr: In birds_cry geht es darum, dass die Reduktion einer Spezies den Geldwert einzelner Individuen dieser Art steigert. Lieber tot als lebendig. Am besten präpariert und konserviert. Das Fliegenlassen der toten Vögel ist vermutlich eine rituelle Handlung – ein Versuch, etwas zurückzugeben oder wieder aufleben zu lassen, was der Zerbrechlichkeit anheimgefallen ist. Ich komme dabei selbst ins Fliegen, ins Vogelwesen und auch außer Atem. Natürlich könnte ich mir das alles vorstellen, aber es scheint mir so selbstverständlich, es auch körperlich auszuführen, dass ich noch gar nicht darüber nachgedacht habe, weshalb ich das eigentlich mache. Es ist, denke ich, ein zweckfreies Nachempfinden, ein Eintauchen in eine andere Lebenswirklichkeit, und die Bilder, die dabei entstehen, gefallen mir. Ich arbeite gern mit dem Material. Beim Schneiden sehe ich das ja immer wieder. Ohne Kamera mit einem toten Vogel durch den Wald zu laufen, ist in einem städtischen Wald für eine Erwachsene eher unüblich. Da schützt mich die Kamera.
Agnes Scherer: Bei den so entstandenen Flugaufnahmen nimmt die Kamera annähernd die Perspektive eines Vogels ein, der keine echten Augen mehr hat. Diesen Widerspruch habe ich als sehr vielschichtig empfunden: bizarr, witzig, untot, auch träumerisch. Deine Arbeit zeigt, dass das Musikvideo nicht, wie von vielen vielleicht gedacht, eine Dreingabe zum Lied sein muss, sondern dass aus Musik und Video eine untrennbare Einheit werden kann. Sind bei dir die Bilder manchmal schon beim Entwickeln der Musiken innerlich präsent?
Sigrid Langrehr: Manchmal stehen die Bilder zuerst, manchmal die Melodie, manchmal die Atmosphäre, aus der beides wächst. Derzeit habe ich einen Song ohne Bilder und ein Video ohne Musik. Manchmal matcht es eben nicht. In einer solchen Arbeitsphase weiß ich bei Tagesbeginn nicht, bei welchem Projekt ich anfangen soll, und am Abend nicht wo oder wie ich aufhören soll. Für einen Song mit dem Titel endless melody, an dem ich gerade arbeite, habe ich vorläufige Bilder gemacht, um mich einer konkreten Vorstellung anzunähern. Der Song beschreibt einen durchlässigen, ewig unfertigen, nie ganz greifbaren Zustand. Da passt das Provisorium an Bildern jetzt doch gut dazu. Vielleicht lasse ich den Clip so. Bei einer anderen endless-Arbeit mit dem Titel spell entsteht die Musik aus den Videogeräuschen, die ich zeitlich auf 100 bpm abgestimmt habe. Diese Arbeit habe ich schon mal aufgeführt, vor drei Jahren, mit zwei Improvisationsmusikerinnen. Die überarbeite ich jetzt aktuell. Ich bräuchte viel mehr Zeit!
Agnes Scherer: Von diesem Zustand, den du als durchlässig, unfertig, nie ganz greifbar beschreibst, schwingt, finde ich, auch in deiner stimmlichen Interpretation etwas mit. Die Stimme scheint teilweise von einem außerweltlichen Ort zu kommen, vielleicht eine Art Luftgeisterstimme. Neulich hat mir ein anderer Komponist erzählt, dass er seit Jahren eigentlich mit jeder Komposition dasselbe Gefühl einfangen will. In seinem Fall das innere Bild eines glatten Meeresspiegels, einer weiten Fläche. Zu einem gewissen Zeitpunkt schiebt sich von oben etwas in das Bild hinein – ein Flugzeug oder eigentlich nur ein Punkt, der sich bewegt. Jede Komposition soll das sein und zugleich wird jede etwas anderes. Hast du auch eine solche innere Konstante?
Sigrid Langrehr: Die Tracks, an denen ich baue, sind sehr unterschiedlich. Sie kommen auch aus verschiedenen Genres und trotzdem gibt es, wenn ich sie durchhöre, etwas Konstantes, das in einem Bereich liegt, auf den ich nicht absichtlich zugreifen kann. Ich empfinde es als Glück, wenn ich dieses Gefühl im Prozess – sei es beim ersten Summen oder danach – entdecke. Bei den Lyrics ist das manchmal auch so. Erst ist es ein „Mit der Musik brabbeln“, dann wieder Hören und Notieren, was ich gesagt oder gemeint haben könnte. Was darauf folgt ist oft langwierig und mühsam. Entscheiden, Weglassen, Festlegen und in den Track einpassen oder der Versuch, diesen neu zu arrangieren. Mit den Bildern ist es ähnlich, aber das fällt mir leichter und ich habe viel zur Auswahl, da ich mein Leben lang schon mit Bildern arbeite. Über die Jahre habe ich eine Clip- und Fotodatenbank aufgebaut, auf die ich immer wieder zugreifen kann und die auch ständig weiter wächst.
Agnes Scherer: Was steht gerade im Moment im Zentrum deiner künstlerischen Arbeit?
Sigrid Langrehr: Derzeit arbeite ich am ersten Teil einer weiteren Videotrilogie. Es ist eine Videocollage bestehend aus Musik, Found-Footage-Material, selbst gedrehtem Material und Animationen. Meine Komposition ist aus dem Easy-Listening-Bereich und steht im Kontext animierter, aufsteigender Herzen eines Bildschirmschoners und eines Werbevideos über Kosten und Reichweite derzeitiger Waffen. Ein weiteres Element ist die Animation der Befruchtung einer Eizelle. Die Kombination von Geld und Liebe, pastellfarbene Explosionen und Raketen im weiblichen Körper, Wohlfühlmusik und Vernichtungsindustrie erzeugen ein Bild des rosaroten Grauens.
Agnes Scherer: Interessant, das Spermium vielleicht als eine Art Cruise-Missile zu denken, das in die Eizelle eindringt.
Sigrid Langrehr: Da geht es mir darum, auf überzogene, ironische Weise die Verharmlosung sexualisierter Gewalt zu thematisieren. Bildschirmschoner und Fahrstuhlmusik sind dazu gemacht, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Auf mich wirken diese gegenteilig, besonders in Kombination. Es ist wie ein Verschleiern dessen, was Fakt ist. Wenn ich damit konfrontiert bin, sehe ich vor dem inneren Auge fadenscheinige Kreuze und Detonationen.
Agnes Scherer: Glaubst du, dass man diesen Ausdrucksformen – Bildschirmschoner, Fahrstuhlmusik, die gezielt dafür entwickelt werden, dass man sie nur unbewusst wahrnimmt – auch eine Art kollektives Unbewusstes entnehmen kann? Schlägt sich das dort nieder?
Sigrid Langrehr: Davon bin ich überzeugt. Im Unbewussten findet sich durch diese Ausdrucksformen allerlei, was dem Dämmerschlaf entrissen werden sollte. Das Verschieben im großen Maßstab von schön verpackten belastenden Inhalten ins Unbewusste bewirkt Verharmlosung und Ohnmacht, denn es lässt sich nicht mehr darauf zugreifen, oder vielleicht besteht dafür gar kein Wille mehr. Betroffen von diesem Mechanismus sind alle, die Zugang zur analogen und virtuellen Warenwelt haben. Ich benutze teilweise auch die Mittel der Konsumwelt mit dem Ziel, sie durch Neukombination, Überzeichnung und Ironie sichtbar zu machen und sie wieder ins Bewusstsein zu rücken. Ob mir das gelingt, weiß ich manchmal mehr, manchmal weniger. Trotzdem versuche ich es immer wieder, bevorzugt mit der Videokunst. Die ambivalente Haltung zur Verwendung eines Mediums, gegen dessen Mechanismen man Einwände hat, zeigt sich schon in den Anfängen der Videokunst und das fasziniert mich. Das kollektive Unbewusste hinter Ausdrucksformen wie Bildschirmschonern und Fahrstuhlmusik ist vielleicht der Wunsch, sich wohlzufühlen in der Welt. Vielleicht wird er größer, je bedrohlicher diese Welt ist.
Agnes Scherer: Wenn man mal das Musikvideo als Format der Populärkultur in den Blick nimmt, war das ja früher im Alltag wirklich sehr stark präsent. Laut meiner Recherche werden zwar auch heute noch viele Musikvideos produziert, aber die Budgets sind im Vergleich zu früher wohl viel geringer und die Abrufzahlen der Videos sind auch bei sehr renommierten Interpret:innen wohl abnehmend. Ich frage mich, ob das die Arbeit mit diesem Format neu interessant macht? Sollte man noch mal anders auf diese Form schauen und sie danach befragen, was sie eigentlich ist? So wie die Digitalisierung heute etwa einen anderen Blick auf Print zulässt. Daraus kann sich ja eine Verschiebung ergeben, die auch Chancen birgt … eine Entselbstverständlichung?
Sigrid Langrehr: Also schon bisschen in Richtung Leerstandsnutzung? Wenn eine Form gerade in aller Munde ist, lässt sie sich kaum mehr erkennen. Sie ist von anderen Interessen besetzt und zerkaut. Davor und danach zeigt sich eine Form viel klarer. Auf der Suche nach einem starken Vehikel, das mich abheben lässt und in andere Welten bringt, hat sich nach anfänglichen Berührungsängsten der Musikclip und auch das Musikgenre Pop als brauchbar erwiesen. Früher habe ich selten Musik gehört oder gesungen. Auch Musikclips haben mich wenig interessiert. Jetzt liegt ein ganzer Spiralnebel vor mir.
Im Text erwähnte Arbeiten
- YouTube Channel Liquid Me
- LOST MY friend in space
- birds_cry
- spread
- Screensaver
Weiterführende Links
- LIQUID ME | Ausstellung Galerie 5020 (Jahr 2020)
- Ausstellungsvideo lang
- PARNASS: „Gallery Diary – Galerie fünfzigzwanzig | Sigrid Langrehr“, 09.07.2020
- Reise zum Zimtstern Videomusical
- Kunst am Bau: Beschreibung Reise zum Zimtstern
- Video Richtung Zimtstern
- Video future is now
(*1985) ist bildende Künstlerin und Professorin für Malerei am Mozarteum Salzburg. Ihre international ausgestellten Arbeiten verbinden Malerei, Skulptur und Performance zu komplexen, oft theatral inszenierten Bildräumen. Scherer nutzt figurative Darstellung und vermeintlich einfache Materialien, um Hierarchien, Repräsentationslogiken und Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Ihre künstlerische Praxis versteht sich als Reflexion von Autorschaft, Materialität und künstlerischen Inszenierungspraktiken. Scherers Werke waren unter anderem in London, Zürich, New York und Köln zu sehen.
Satellit 1: Das Porträt in der Kunstkritik
Das Porträt gilt als eine der ältesten Gattungen der Kunstkritik und steht heute unter besonderem Druck. Als Format, das strukturell auf Nähe und Einverständnis zwischen Schreibenden und Porträtierten setzt, tendiert es zur Affirmation. Diese Tendenz verstärkt sich durch eine Verschiebung im Kunstjournalismus: Rezensionen weichen zunehmend Interviews und kritische Beurteilung weicht dem Gespräch mit Künstler:innen, die ihre Werke selbst kommentieren und kontextualisieren – als wären die Produzent:innen zugleich die besten Interpret:innen ihrer eigenen Arbeit. Kritik wird durch Selbstauskunft substituiert, das Urteil durch Einverständnis. Doch wäre es zu einfach, das Porträt allein als Symptom eines affirmativen Journalismus zu lesen. Es bleibt ein Format mit genuiner Erkenntniskraft – sofern es seine eigene Logik kritisch befragt und verhandelt. Das Gespräch, das Nahbild, die Beziehung zwischen Schreibenden und Porträtierten bergen Potenziale, die weit über die Funktionen einfachen Marketings hinausgehen. Wie sieht eine Kunstkritik aus, die den Blick auf das Persönliche und die Person nicht aufgibt, sondern schärft? Welche Formen, welche Haltungen, welche Formate ermöglichen kritische Distanz ohne Kälte, Nähe ohne Komplizenschaft?
Die Satelliten-Serie von magazin53a
magazin53a lanciert mit den Satelliten eine neue Publikationsreihe: thematische Schwerpunktausgaben, die mehrmals jährlich erscheinen und mehrere Beiträge zu einer übergeordneten Fragestellung versammeln. Die Satelliten positionieren künstlerische und kunstkritische Praxis im Kontext überregional relevanter Diskurse und zeigen zugleich, wie sich die Auseinandersetzung mit spezifischen Fragestellungen ins Verhältnis zu lokalen Kontexten setzen lässt.
Ausdrücklich eingeladen sind auch Autor:innen mit Themen, die über Salzburg hinausweisen. Die Satelliten verstehen sich als Beitrag zu einem überregionalen Diskurs. Der erste Satellit stellt das Porträt zur Diskussion.
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