Satellit 1

Das Porträt als Performance. Interview mit Rosa Schurian-Stanzel

3. Mai 2026
Emilia Webhofer

Editorial magazin53a

Emilia Webhofer zeigt in ihrem Interview mit Rosa Schurian-Stanzel, wie eine Interviewform buchstäblich zum performativen Akt wird. Der Austausch mit der Performance-Künstlerin und Kostümbildnerin entwickelt sich in zwei Akten zu einer dramatischen Aufführung, die dank Improvisationsbereitschaft und Experimentierfreude die Grenzen zwischen Interview und künstlerischer Aktion auflöst.

Eine wesentliche Rolle nimmt dabei (wie bei der Performance-Kunst selbst) die Form der Dokumentation ein. Das Gespräch wird sowohl verschriftlicht – quasi Regieanweisungen als Grundlage des Interviews – als auch durch Fotografien von Paula Angermair Barkai dokumentiert – ein Bühnenbild für die Leser:innen. Die Verzahnung von der Unmittelbarkeit des Geschehens und seiner medialen Aufbereitung bietet in der Transparenz dieser Praxis einen lustvollen Zugang zu der Frage, wie sich das Porträt als dialogische Form neu denken lässt und wie nahe sich Kritikerin und Künstlerin in ihren „Rollen“ kommen können.

Webhofer entwickelt nicht zuletzt dank körperlichen Einsatzes ein alternatives Porträt, das ebenso Teil der Kunstpraxis Rosa Schurian-Stanzels wird. Das Interview wird zur Kollaboration, die Interviewerin zur Mit-Performerin und das Porträt zu einer geteilten Kreation, die die Teilhabe der Befragten an den Fragen ins Zentrum ihrer Form setzt. 

© Paula Angermair Barkai

Die Aula der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ein lautes Hallen durchdringt die historischen Räume. Die Performance-Künstlerin und Kostümbildnerin Rosa Schurian-Stanzel (*1999, lebt und arbeitet in Wien) tänzelt auf die Interviewerin zu. Die beiden treffen sich für ein performatives Interview voller Requisiten, die Schurian-Stanzels multidisziplinäres Schaffen erfahrbar machen. Skripte werden aufgebrochen, Rollen umgedreht, Sprachbilder wörtlich genommen.

ERSTER AKT – Rollenspiele

Emilia Webhofer: Pina Bausch sagte einst: „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“ Was bewegt dich, Rosa?

Rosa Schurian-Stanzel: Prinzipiell bewegt mich die Zeit. Nichts ist, alles wird – nach Carlo Rovelli. Auch die Beobachtung ist eine bewegende Kraft, ebenso die Sprache. Ich nehme Sprichwörter gerne wörtlich und versuche, Sprachbilder körperlich nachzuspüren. Durch diese Bewegung werde ich weiterbewegt, der Ball rollt weiter. (Sie knüllt ein Papier zu einem Ball und wirft ihn der Interviewerin zu, die ihn zurückwirft.) Nun hast du dich auch bewegt, mir den Ball zurückgeworfen. Dabei hättest du ihn auch in den Raum werfen können. 

Emilia: Was sagt dir meine Reaktion?

Rosa: Vielleicht willst du, dass ich auf deine Frage antworte, denn der Ball ist jetzt wieder bei mir.

Emilia: Du bewegst dich in deiner Kunst zwischen Performance, Zeichnung, Textilarbeit und Installation. Was kam zuerst?

Rosa: Meine Zeichnungen sind der erste Schritt aus meiner Gedankenwelt hinaus in eine kleine, intime Bewegung. Über die Zeit hinweg ist in meinen Notizbüchern ein Archiv an Bewegungen entstanden. Wenn ich diese grafisch festgehalten habe, habe ich oftmals keinen unmittelbaren Drang, sie zu verkörpern.

Emilia: Als Kostümbildnerin bewegst du dich hinter der Bühne, als Performance-Künstlerin auf ihr. Du scheinst nahtlos zwischen diesen Rollen zu wechseln.

Rosa: Meine Arbeit als Kostümbildnerin und als Künstlerin empfinde ich als zwei eigenständige Felder, die gerade aufgrund ihrer Andersartigkeit nebeneinander bestehen können. Natürlich beeinflussen sich diese beiden Rollen gegenseitig. Auch du bist heute in einer Rolle hier. Wie fühlt es sich an, als Gast in den Welten der anderen? Fällt das Eintauchen schwerer – oder die Heimkehr?

Emilia: Die beiden Prozesse sind ähnlich. Wie in deinem Schaffen beginnt und endet für mich jedes Gespräch mit dem geschriebenen Wort auf Papier. Meine Notizen führen mich in deine Welt ein, der fertige Text entlässt mich am Ende wieder. 

Rosa: Wenn wir über Rollen sprechen, entstehen sofort Bilder in meinem Kopf, die ich auf Papier skizziere und körperlich nachspüren möchte. (Schurian-Stanzel rollt eine Yogamatte aus und rollt sich hinein) Nun erübrigt sich die Frage, in welcher Rolle ich heute hier bin. Es ist klar, dass ich in diese Rolle geschlüpft bin.

© Paula Angermair Barkai

Rosa: Du bist dran! (Die Interviewerin rollt sich in der Matte ein, während Schurian-Stanzel sie zeichnet.)

Rosa: Und jetzt gemeinsam! (Sie rollen sich gemeinsam ein.) Nahtlos war dieser Rollenwechsel nicht! Folgt nun ein Szenen- und Kostümwechsel?

Der Vorhang fällt. Pause.

© Paula Angermair Barkai

ZWEITER AKT – Kostümspiele

Schurian-Stanzel betritt die Aula in einem dramatisch wehenden Umhang, einem rosafarbenen Fellhut – und Eislaufschuhen. 

Emilia: Rosa, warum die Eislaufschuhe?

Rosa: Wir bewegen uns auf dünnem Eis, denn wer viel von sich preisgibt, kann auch viel verlieren! Zugleich haben wir zwischen uns nun das Eis gebrochen. Du siehst, in meinem Kopf entstehen einige Sprachbilder zu unserem Gespräch. Andererseits sind die Schuhe ein Verweis auf eine Fotografie der Performance-Serie Berlin (1976) von Rose English und Sally Potter.

Rose English and Sally Potter, Berlin – Part Four The Arguments (at home), 1976, Photo Roger Perry, Courtesy Rose English Studio Archive.

Emilia: Was erlaubt dir das Spiel mit Sprache und Kleidung?

Rosa: Sprache und Kleidung verbinden uns, weil sie so alltäglich sind. Ich denke gern über vertraute Gewohnheiten nach und entdecke darin verborgene Details. Zum Beispiel beschäftige ich mich intensiv mit Nähten. In Kostümen verstecke ich sie oft, in meiner Kunst kann ich sie bewusst offenbaren.

Emilia: Nähte verbinden und trennen zugleich.

Rosa: Ja, genau. In meiner Arbeit Reality is not what is seems. Reality is what it seams (2022) geht es um diese vielfältigen Eigenschaften der Naht und des Nähens – und um die Frage, wie Menschen mit Nähten interagieren und Bruchstellen zusammenfügen. Dabei habe ich die Naht in Aktion festgehalten und sichtbar gemacht.

© Paula Angermair Barkai

Emilia: In deiner Arbeit geht es oft um das Zusammenspiel von Sichtbarem und Unsichtbarem.

Rosa: Im Kostümbild kaschiere ich Sichtbares wie Flecken – oder umgekehrt, mache körperliche Zustände wie Schweiß auf der Kleidung sichtbar. Auch in meinen Performances spiele ich mit dem Spannungsverhältnis von Sichtbarem und Verborgenem. In meiner letzten Arbeit Tropfen für Tropfen (2026) ging es um das Eintauchen unter die Oberfläche, um das Verschwimmen und Verschwommensein – und um die Bewegung in der Unschärfe. (Rosa zieht ihre Eislaufschuhe wieder aus.)

Emilia: Ist das ein Impuls von dir, das Gespräch abzuschließen?

Rosa: Ja, wir können unseren zweiten Akt zu Ende bringen.

Emilia: Welcher Akt ist dir in einem Theaterstück am liebsten?

Rosa: Gegenfrage: Welcher Teil eines Interviews gefällt dir am besten?

Emilia: Ich finde, Anfang und Ende eines Porträts sollten wirkungsvoll sein.

Rosa: Anfang und Ende während des Gesprächs – oder in der fertigen Fassung?

Emilia: Das bleibt mein Geheimnis. Abschließend: Welchen Sound würdest du diesem Gespräch geben?

Rosa: (Welcome to my Island ertönt aus Schurian-Stanzels Lautsprecher.) Und wie gefällt es dir auf meiner Insel?

Emilia Webhofer

(*2002 in Wien) ist österreichisch-italienische Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin (u.a. PARNASS). Sie studierte Kunstgeschichte und Kulturmanagement in Wien und Mailand und forscht in ihrer Masterarbeit zur Performancekunst der österreichischen Nachkriegsavantgarde mit besonderem Schwerpunkt auf der feministischen Performance der 1970er-Jahre.

Satellit 1: Das Porträt in der Kunstkritik

Das Porträt gilt als eine der ältesten Gattungen der Kunstkritik und steht heute unter besonderem Druck. Als Format, das strukturell auf Nähe und Einverständnis zwischen Schreibenden und Porträtierten setzt, tendiert es zur Affirmation. Diese Tendenz verstärkt sich durch eine Verschiebung im Kunstjournalismus: Rezensionen weichen zunehmend Interviews und kritische Beurteilung weicht dem Gespräch mit Künstler:innen, die ihre Werke selbst kommentieren und kontextualisieren – als wären die Produzent:innen zugleich die besten Interpret:innen ihrer eigenen Arbeit. Kritik wird durch Selbstauskunft substituiert, das Urteil durch Einverständnis. Doch wäre es zu einfach, das Porträt allein als Symptom eines affirmativen Journalismus zu lesen. Es bleibt ein Format mit genuiner Erkenntniskraft – sofern es seine eigene Logik kritisch befragt und verhandelt. Das Gespräch, das Nahbild, die Beziehung zwischen Schreibenden und Porträtierten bergen Potenziale, die weit über die Funktionen einfachen Marketings hinausgehen. Wie sieht eine Kunstkritik aus, die den Blick auf das Persönliche und die Person nicht aufgibt, sondern schärft? Welche Formen, welche Haltungen, welche Formate ermöglichen kritische Distanz ohne Kälte, Nähe ohne Komplizenschaft?

Die Satelliten-Serie von magazin53a

magazin53a lanciert mit den Satelliten eine neue Publikationsreihe: thematische Schwerpunktausgaben, die mehrmals jährlich erscheinen und mehrere Beiträge zu einer übergeordneten Fragestellung versammeln. Die Satelliten positionieren künstlerische und kunstkritische Praxis im Kontext überregional relevanter Diskurse und zeigen zugleich, wie sich die Auseinandersetzung mit spezifischen Fragestellungen ins Verhältnis zu lokalen Kontexten setzen lässt.

Ausdrücklich eingeladen sind auch Autor:innen mit Themen, die über Salzburg hinausweisen. Die Satelliten verstehen sich als Beitrag zu einem überregionalen Diskurs. Der erste Satellit stellt das Porträt zur Diskussion.