Satellit 1

Das Porträt im Zeitalter seiner digitalen Belanglosigkeit

3. Mai 2026
Jari Genser

Editorial magazin53a
Jari Genser setzt bei Oskar Kokoschkas Diktum an, jedes Bild sei ein Selbstporträt, um die Paradoxien des Porträts im digitalen Zeitalter anhand Oscar Wildes Picture of Dorian Gray zu erkunden. In einer Zeit maschinell generierter Bilder wird das Label ‚Selbstporträt‘ für jedes einer ‚empfindenden Hand‘ geschaffene Bild umso wichtiger – nicht zuletzt aus technischen Gründen. Genser prognostiziert der menschlichen Autor:innenschaft eines Werks erneute Bedeutung. Was einst als metaphorische Übertreibung galt, wird durch die digitale Revolution zur konkreten Realität, wenn nicht zur Notwendigkeit.

Selbstportrait als Tasse (Erdbeeren), Öl auf Holz, 50 x 75 cm, © Jari Genser / Bildrecht, 2026

Vielleicht habt ihr schon einmal jemanden sagen hören, im Grunde sei jedes Bild ein Selbstporträt. Dieser Satz stammt, wenn man den Computermodellen, die unser Wissen verwalten, glauben darf, von Oskar Kokoschka [1]. Ich habe diesen Satz immer für Unsinn gehalten. So wie überhaupt Sätze, die eine Behauptung für ‚alles‘ aufstellen mich immer angespornt haben, die Ausnahme zur angeblichen Regel zu finden. Wenn jedes Kunstwerk persönlich ist – oder politisch (Orwell), oder ein Zitat (Sontag) –, wozu haben wir dann dieses spezielle Wort?

Dass wir den Begriff ‚Selbstporträt‘ verwenden, um eine bestimmte Kategorie von Kunstwerken zu beschreiben, impliziert doch schon, dass es auch solche gibt, die nicht in diese Kategorie fallen. Dass jede:r Künstler:in eine individuelle Biografie hat, die das Werk beeinflusst, und dass diese Biografie wiederum selbst von den Umständen beeinflusst wird, in denen die jeweilige kunstschaffende Person lebt, ist ebenso richtig, wie es trivial ist.

„Die Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verstecken ist die Aufgabe der Kunst“ [2] schreibt Oscar Wilde in der Vorrede zu The Picture of Dorian Gray. Diesem Satz zu widersprechen wäre leicht, aber ich glaube, wir würden Wilde damit auf den Leim gehen. Handelt es sich bei ihm doch nahezu um den Prototyp eines Künstlers, dessen Werk nur schwer von seiner Person zu trennen ist. Das führt er in seinem Buch, in dessen Zentrum das verwunschene Porträt einer seiner semi-autobiografischen Romanfiguren steht, meisterhaft aus. Er hält ihnen allen einen Spiegel vor – seinen Figuren, sich selbst und natürlich uns, den Leser:innen, ohne die das Werk unvollendet bleibt.

Wer das Porträt im Laufe seiner bewegten Geschichte betrachtet, wird alle Abstufungen des Offenbarens und Verbergens von Künstler:in und Modell finden. Von der byzantinischen Malerei, wo Spuren von Autorenschaften genauso fehlen wie individuelle Züge der dargestellten Figuren, bis hin zu Velázquez’ Porträts der Habsburger, die eher seinen Ruhm gemehrt haben als den ihren. Überhaupt könnten die geneigten Museumsbesucher:innen den Eindruck gewinnen, dass die Identität der Urheber:innen eines Werks heute deutlich mehr zählt als die des:der Abgebildeten. Wer die Frau auf dem kleinen Bild im Louvre wirklich war, würde vermutlich kaum jemanden kümmern, wäre sie nicht von Leonardo da Vinci gemalt.

Ist also doch etwas dran an der Behauptung, jedes Bild sei ein Selbstporträt? Wie steht es um das Verhältnis zwischen der Person vor und der hinter der Leinwand heute – oder wie es sich wohl in den allermeisten Fällen verhält: vor und hinter der Linse? Wahrscheinlich gibt es heute mehr Bilder von Menschen als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Die allerwenigsten davon sind von einem:r Künstler:in geschaffen (wenn wir davon ausgehen, dass nicht jeder Mensch ein:e Künstler:in ist, und nach meiner Einleitung ahnt ihr sicher, was ich von diesem Zitat halte). Wahrscheinlich sind auch nur die wenigsten davon als physisches Objekt vorhanden. Bei nicht wenigen sind Urheber:in und Abgebildete:r die gleiche Person. Oder es gibt überhaupt keine:n Urheber:in mehr, zumindest keinen menschlichen – und auch die Menschen, die wir auf Bildern sehen, haben nicht immer ein reales Vorbild.

Mit jedem Bild, das nicht von einem Menschen geschaffen wurde, sondern von einer Maschine, macht eine Kategorie für Bilder, die eine persönliche Handschrift tragen, mehr Sinn. Wer maschinelle Intelligenz als Werkzeug verwendet, läuft Gefahr, selbst zum Werkzeug zu werden. Das wird in der Kunst besonders deutlich, weil hier der Prozess oft genauso wichtig ist wie das Resultat und sich beide wechselseitig bedingen. Die vermeintliche Schwäche, dass Menschen erst mühsam ein Handwerk erlernen müssen (und selbst wenn sie es beherrschen nicht eine beliebige Zahl an Bildern in Sekundenbruchteilen erstellen können), könnte sich noch als unsere größte Stärke entpuppen. In einem Zeitalter, in dem das Porträt seine Dringlichkeit verloren hat, in dem unsere Speicher voll sind mit belanglosen Fotos, ist vielleicht wirklich jedes Bild, das jemand „mit Empfindung“ malt, ein Selbstporträt. Wer Mühe und Zeit in ein Werk legt, darf möglicherweise hoffen (oder fürchten), dass es einen Teil „der Seele aufdeckt“. So sagt es der Maler Basil Hallward bei Wilde [3]. The Picture of Dorian Gray erschien übrigens im Jahr 1890. Da war Oskar Kokoschka gerade einmal vier Jahre alt.

Fußnoten

[1] https://chat.mistral.ai/chat/170b0294-a4ee-43b6-86cb-05693399813f (16.3.2026)
[2] Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Übers: Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Süddeutsche Zeitung | Bibliothek: München, 2004 (1890). S. 8.
[3] Ebd., S. 13.

Jari Genser

(*1983 in Salzburg) musste erst Psychologie studieren, um herauszufinden, dass er eigentlich Künstler sein will. Studierte darum im Anschluss bildende Kunst und hat das (bis jetzt) nie bereut. In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt er sich mit Objekten und den Spuren, die wir an ihnen und sie in uns hinterlassen. Oft steht sein Arbeitsraum im Zentrum seines künstlerischen Interesses. Ausstellungen u. a. in Gmunden, Frankfurt, Paris, Tokio. Jari Genser lebt und arbeitet in Wien.

Satellit 1: Das Porträt in der Kunstkritik

Das Porträt gilt als eine der ältesten Gattungen der Kunstkritik und steht heute unter besonderem Druck. Als Format, das strukturell auf Nähe und Einverständnis zwischen Schreibenden und Porträtierten setzt, tendiert es zur Affirmation. Diese Tendenz verstärkt sich durch eine Verschiebung im Kunstjournalismus: Rezensionen weichen zunehmend Interviews und kritische Beurteilung weicht dem Gespräch mit Künstler:innen, die ihre Werke selbst kommentieren und kontextualisieren – als wären die Produzent:innen zugleich die besten Interpret:innen ihrer eigenen Arbeit. Kritik wird durch Selbstauskunft substituiert, das Urteil durch Einverständnis. Doch wäre es zu einfach, das Porträt allein als Symptom eines affirmativen Journalismus zu lesen. Es bleibt ein Format mit genuiner Erkenntniskraft – sofern es seine eigene Logik kritisch befragt und verhandelt. Das Gespräch, das Nahbild, die Beziehung zwischen Schreibenden und Porträtierten bergen Potenziale, die weit über die Funktionen einfachen Marketings hinausgehen. Wie sieht eine Kunstkritik aus, die den Blick auf das Persönliche und die Person nicht aufgibt, sondern schärft? Welche Formen, welche Haltungen, welche Formate ermöglichen kritische Distanz ohne Kälte, Nähe ohne Komplizenschaft?

Die Satelliten-Serie von magazin53a

magazin53a lanciert mit den Satelliten eine neue Publikationsreihe: thematische Schwerpunktausgaben, die mehrmals jährlich erscheinen und mehrere Beiträge zu einer übergeordneten Fragestellung versammeln. Die Satelliten positionieren künstlerische und kunstkritische Praxis im Kontext überregional relevanter Diskurse und zeigen zugleich, wie sich die Auseinandersetzung mit spezifischen Fragestellungen ins Verhältnis zu lokalen Kontexten setzen lässt.

Ausdrücklich eingeladen sind auch Autor:innen mit Themen, die über Salzburg hinausweisen. Die Satelliten verstehen sich als Beitrag zu einem überregionalen Diskurs. Der erste Satellit stellt das Porträt zur Diskussion.