All the World’s a Stage. Der FOTOHOF erkundet das Verhältnis von Performance und Fotografie
22. Juli 2026
Emilia Webhofer
„Still Performing“ nennt sich die Ausstellung, in der Arbeiten von Florian Aschka & Larissa Kopp, Andy Kassier und Milena Wojhan einander gegenübergestellt werden
Der mehrdeutige Titel verweist einerseits auf einen stillen, ja unbewegten Zustand – schließlich handelt es sich um Fotografien und nicht um bewegte Bilder. Andererseits ist „still performing“ eine Anspielung auf eine stetig andauernde, nie abgeschlossene Handlung. Obgleich nicht explizit historisch angelegt, verwebt die Schau die unterschiedlichen Ursprünge der Performance (von Skulptur über (Historien-)Malerei, Tanz und Theater bis hin zu Mythologie und Ritual) mit grundlegenden Topoi der Performance-Geschichte: der Auseinandersetzung mit Identität, Rollenbildern und Autobiografischem.
Subtile Theatralik in der Inszenierung
Formal ist es ein minimalistisches, jedoch ausgeklügeltes Setting, in dem diese Bezüge verhandelt werden. In seinem räumlichen Aufbau erinnert der Ausstellungsparcours an ein Theater, das sich dem Publikum rückwärts öffnet. Betritt man die Räumlichkeiten des FOTOHOF, findet man sich zunächst ‚backstage‘ wieder. Eine Kleiderstange dient als Kostümfundus für die textilen Arbeiten von Florian Aschka und Larissa Kopp. Besucher:innen sind angeleitet, die Arbeiten anzuziehen. Damit wird nicht nur die Ausstellungsfläche zur begehbaren Bühne, sondern auch das Publikum selbst gleichermaßen zu Betrachter:innen und Akteur:innen einer Inszenierung. Der anschließende Hauptraum der Ausstellung ist zwischen den Positionen von Aschka & Kopp und der von Andy Kassier zweigeteilt. Wie eine Rotationsbühne entfaltet sich im Zentrum Milena Wojhans Werk. In jedem Teil davon zeigt sich eine andere Szene.



Die Beschäftigung mit Ritus und Mythos, mit der „kollektiven Erinnerung“[2], wie RoseLee Goldberg sie in ihrer wegweisenden Geschichte der Performance beschreibt, gehört zu den zentralen Bezugspunkten der Performance-Kunst. Auch die Schau verknüpft kulturelle Narrative von der Antike bis in die Gegenwart, überschichtet sie und macht ihre Bezüge zur Performance sichtbar. Zum Beispiel entstammen Aschka & Kopps Kostüme der Fotoserie Dirty God*desses/Freud and the Secret Cabinet (2022–24), in der das Duo, ausgehend von archäologischen Fundstücken aus antiken Sammlungen wie der von Sigmund Freud, mythologische Archetypen rund um Geschlecht und Sexualität bearbeitet. In Queer Revolutionaries…? (2017) hingegen, werden klassizistische Revolutionsgemälde zum Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit queerer Sichtbarkeit und deren fehlender Repräsentation in geschichtlichen Erzählungen. An die Stelle historischer Kampfausrüstung treten Friseurumhänge, Strähnenhauben und Kostüme aus der Beauty-Welt, womit die Arbeit auch die Versprechen und Erwartungen einer spätkapitalistischen Kultur der Selbstoptimierung hinterfragt.
Rollenbilder und Rollenspiele
Seit den 1970er-Jahren ist die Autobiografie ein zentrales Element der Performance. Wie RoseLee Goldberg schreibt, liege ihr Kern im „forschende[n] Blick auf Habitus und Gestus des Künstlers, ebenso wie [in] einer analytischen Untersuchung des schmalen Grats zwischen Kunst und Leben“[3]. An dieser ambivalenten Schnittstelle bewegt sich Andy Kassier. Seine Kunstfigur setzt er als wohlhabenden Geschäftsmann, exzentrischen Reisenden oder lasziv im Pelz posierenden Dandy in Szene. In hochstilisierten, beinahe airbrush-artig makellos wirkenden Fotografien wird Performativität in Idealen von Männlichkeit und Erfolg aufgegriffen, ausgereizt, seziert und ins Komische übersteigert. Es ist eine Inszenierung, die Kassier im digitalen Raum fortsetzt. Die Fotografien markieren somit nicht den Abschluss einer Performance, sondern ihren Ausgangspunkt. Im Zeitalter der sozialen Medien ist kaum auszumachen, wo Performativität beginnt und endet.
Auch Wojhan untersucht die Konstruktion gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen und schafft mit Masken, Prothesen und Spezialeffekten ganz ohne KI enigmatische Fotografien. Das Werk Lupa (2023) etwa zeigt eine Frau, deren Brust von unzähligen Zitzen übersät ist. Die Künstlerin greift den Gründungsmythos Roms auf: Der Legende nach wurden Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt; einer alternativen Deutung zufolge bezeichnete der Begriff „Lupa“ in der römischen Antike jedoch umgangssprachlich eine Prostituierte. Indem Wojhan beide Lesarten miteinander verschränkt und der Wölfin wieder ein menschliches Aussehen verleiht, fragt die Künstlerin auch, wie weibliche Figuren aus überlieferten Erzählungen verdrängt wurden.
Still Performing
Es kommt der Ausstellung zugute, dass sich die Kurator:innen trotz der Bandbreite an Kunstwerken, die zum Ausstellungstitel Still Performing passen würden, auf drei junge Positionen beschränkt haben. Gemeinsam spannen diese präzise ausgewählten Fotografien ein dichtes Netz kulturhistorischer wie ästhetischer Bezüge. Subtil machen sie erfahrbar, wie sehr Performance und Fotografie einander durchdringen – und wie Performance-Geschichte in aktuellen Positionen nachspürbar ist. In Anlehnung an den Soziologen Erving Goffman lässt sich sagen: Die ganze Welt ist keine Bühne, doch performen wir unentwegt. Immer noch, immer wieder.
Fußnoten
[1] Erving Goffman, The Presentation of Self in Everday Life, Doubleday Anchor New York 1959, S. 72.
[2] RoseLee Goldberg, Die Kunst der Performance: vom Futurismus bis heute, Berlin 2014, S. 153.
[3] Ebd., S. 170.
bis 30. JULI 2026
Still Performing
FOTOHOF, Salzburg
Florian Aschka & Larissa Kopp, Andy Kassier, Milena Wojhan
Kuratiert von Valentin Backhaus, Mateusz Dworczyk, Katrin Froschauer
Di–Fr 15–19 Uhr | Sa 11–15 Uhr
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