Amo ergo sum? „curated by“ im Zeichen der Liebe
6. Oktober 2026
Emilia Webhofer
Das Wiener Galerienfestival „curated by“ lädt in seiner diesjährigen Ausgabe mit dem schlichten und gleichermaßen aufgeladenen Titel „LOVE“ dazu ein, sich in 24 Galerieausstellungen mit den komplexen Geflechten liebender Beziehungen auseinanderzusetzen.
Liebe gehört zu den prägenden, alle Zeiten überdauernden, alle Kulturen verbindenden Themen der Menschheitsgeschichte. Im Leben wie in der Kunst werden Menschen von ihr angetrieben: Sie handeln aus elterlicher Fürsorge, romantischer Hingabe oder sexuellem Verlangen. Aus Liebe zu Kunst, Objekten, Religion oder Macht. Aus der Abwesenheit von Liebe oder aus der Sehnsucht nach ihr. Die führenden Philosoph:innen von Platon über Søren Kierkegaard bis zu bell hooks haben sich ihrer angenommen. Sie ist so unergründlich, dass jede Generation und ihre Literat:innen wie Künstler:innen sie aufs Neue verhandeln. Die österreichische Künstlerin Renate Bertlmann erklärte „amo ergo sum“ 1978 sogar zu ihrer Maxime.
Eine Stadt voller Einbildungsvermögen
Dennoch scheint die Liebe in der zeitgenössischen Kunst allzu oft als sentimentale Hippie-Symbolik verbucht und zur Randnotiz von intellektuell als bedeutsam geltenden Debatten gemacht zu werden. Übersehen wird dabei, dass sich in kaum einem anderen Thema das Politische so unmittelbar mit dem Sinnlichen, die Fantasie mit der harten Realität, das zutiefst Persönliche mit einer kollektiven Erfahrung verwebt. Die Klassizistin und Lyrikerin Anne Carson resümierte sogar: „Eine Stadt ohne Begehren ist, zusammengefasst, eine Stadt ohne Einbildungsvermögen.“[1] Wie erfrischend also, dass das Wiener Galerienfestival curated by in seiner diesjährigen Ausgabe mit dem schlichten und gleichermaßen aufgeladenen Titel LOVE dazu einlädt, sich in 24 Galerieausstellungen mit den komplexen Geflechten liebender Beziehungen auseinanderzusetzen.
Wo die einen sich der Liebe auf Ebene der Sexualität nähern, verstehen sie andere dezidiert politisch, etwa Chus Martínez in der Galerie Krinzinger. Ausgehend von einem Gedicht der iranischen Dichterin Forugh Farrokhzad versammelt die Ausstellung My Whole Being is a Dark Verse Briefe aus Gefängnissen sowie filmische Arbeiten, die Dichtung als Sprache der Liebe und des Widerstands, als Ort aller Sehnsüchte, aber auch als verbotene Praxis erfahrbar machen. Einen weniger sprachlichen, mehr haptischen Zugang wählt Kuratorin Tamar Margalit in der Galerie Charim. Sie stellt den zärtlichen Umgang mit Materialität, Körperlichkeit und Serialität ins Zentrum. Die fragilen Skulpturen von Melanie Ender lässt sie dabei in Dialog mit Chen Cohens Fotografien treten, in denen die Dargestellten – schlafend, verrenkt, skelettartig, den eigenen Körper befragend – trotz ihrer Intensität beinahe der Wahrnehmung entrücken.



Von der Präsenz der Absenz
Keine metaphorische, sondern eine reale Lücke bildet den Ausgangspunkt der Soloausstellung The Presence of Absence in der Galerie Christine König, die dem Werk der früh verstorbenen und in Vergessenheit geratenen Malerin Sabine Reuter gewidmet ist. Wie aus einem Guss scheint ihr Œuvre: Abstrakte Gemälde, Papierarbeiten und Fotografien fügen sich zu einem kompositorisch eindrucksvollen Geflecht aus Farbflächen, in dem literarische wie lyrische Bezüge, mathematische Referenzen und persönliche Chroniken ihrer Krankenhausaufenthalte nachhallen.





Auch bei Croy Nielsen stehen in der Schau Necessities of Life and the Consequences of Dreams die Arbeiten einer verstorbenen Künstlerin im Zentrum: Lenke Rothmans sensible Objektskulpturen entstehen aus einer Praxis des Sammelns; alltägliche Dinge wie Knöpfe, Sicherheitsnadeln, Spielzeug, Steine und Zweige treffen dabei auf Fotografien von Filmstars wie Mikhail Baryschnikow. Sie werden übereinandergeschichtet, miteinander vernäht, wieder zerschnitten, teilweise verbrannt, übermalt, anschließend in Acrylboxen und Bilderrahmen liebevoll arrangiert – und so zu Gesten der Erinnerung.
Von der Liebe als Begegnung
Dass die Thematik der Liebe auch zu spielerischen Zugängen einlädt, zeigt sich bei Layr, wo Lou von der Heyde ein Theaterstück inszeniert, in dem literarische Figuren und Kunstwerke inmitten eines bühnenbildartigen Settings aus Holztüren aufeinandertreffen. Die dabei evozierte Theatralik der Wiener Salons wird in den Begleitveranstaltungen während des Eröffnungswochenendes bewusst weitergesponnen: Ein literarischer Salon im berüchtigten Stundenhotel Orient und eine Dating-Hotline im Szenecafé Korb verankern die Ausstellung über die Galerieräume hinaus an zwei ikonischen Wiener Institutionen, die wie keine anderen für intime Begegnungen stehen.





Mit Blick auf Begegnungen sei ebenfalls hervorgehoben, wie überzeugend es curated by Jahr für Jahr gelingt, zu vermitteln und zu verbinden. Selten starten so viele Ausstellungen gleichzeitig, selten schwirren so viele Besucher:innen durch die Galerien wie an diesem Eröffnungswochenende. Seit 2009 vernetzt das Festival die Wiener Szene konsequent mit internationalen Gastkurator:innen, unter denen die Veranstaltung einen auffallend guten Ruf genießt. Neben etablierten Gästen bringen junge Galerien auch frischen Wind aus dem Ausland in die Stadt, etwa die City Galerie Wien mit der vom Duo Gaylord Fine Arts kuratierten Schau Die Homofürsten oder Shore mit einer von der argentinischen Künstlerin Amalia Ulman konzipierten Ausstellung.
Von der Vergänglichkeit der Liebe
Dass jedem Kennenlernen auch ein möglicher Abschied innewohnt, daran erinnert die von Benedict Wyss kuratierte Schau After Love in der Galerie Thoman. Objekte aus dem Museum of Broken Relationships erzählen gemeinsam mit anonymisierten Wandtexten von dem, was zwei Menschen einst verbunden und von dem, was sie schließlich getrennt hat. Eindringlich wird dabei veranschaulicht, welche Bedeutung einfache Gegenstände wie eine Spielkarte, eine Briefmarke, eine Lampe oder gar ein Wundschorf bekommen, wenn sie mit der Erinnerung an eine geliebte Person verbunden werden


Wie eng in einem gebrochenen Herzen Verlust, Vergänglichkeit und Neubeginn miteinander verwoben sind, reflektiert Kuratorin Anya Harrison mit Requiem in der Galerie nächst St. Stephan. In Barbara Hammers Experimentalfilm Death of a Marriage (1969) etwa spiegeln die flirrenden, surrealen Aufnahmen der Außenwelt bereits die innere Zerrissenheit und Beklemmung der später als Pionierin des feministischen, lesbischen Films gefeierten Künstlerin wider. In Adam Christensens Installation Oh well, hey (2025) bewahrt ein Boudoir mit Kerzen, vertrockneten Rosen, antiken Gefäßen und Lippenstiftspuren nicht nur die Erinnerung an Vergangenes, sondern wird zugleich zum intimen Setting einer Performance. Den Titel der Schau aufgreifend und an die musikalische Tradition des Wienerlieds und liturgischen Gesangs anknüpfend, verbindet Christensen in seinem Requiem Autobiografisches mit Fantasie, Trauer mit Hoffnung. Seine klagenden Töne, begleitet von den Klängen des Akkordeons, hallen noch lange nach und erinnern daran, wie tief Liebe und Liebeskummer in den Straßen des durch und durch melancholischen Wiens verankert sind.
Fussnoten
[1] Anne Carson, Der bittersüße Eros, aus dem Englischen übers. von Christina Dongowski, Wien / Berlin 2020, S. 166.
Bis 17. Oktober 2026
Im Zuge des „curated by“-Festivals laden jeden Herbst 24 in Wien ansässige Galerien internationale Kurator:innen ein, mit einer Ausstellung auf ein jährlich wechselndes Thema zu reagieren und dabei die drängendsten Fragen unserer Zeit zu reflektieren.
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