Les Misérables. Zur vorzeitigen Schließung der Art Basel Paris
24. Oktober 2026
Alexander Guillot
Am Nachmittag eines verregneten Donnerstags, dem 22. Oktober, wurde bekannt: die Art Basel Paris 2026 schließt vorzeitig. Zwei Tage früher als vorgesehen, am Freitagabend statt am Sonntagabend, natürlich aus Sicherheitsgründen, so heißt es.
Die Proteste in Frankreich halten bereits seit mehreren Wochen ungebremst an, und zu alledem soll vor den Türen des Grand Palais, dem zentralen Ausstellungsort der Art Basel Paris, am Samstag eine Demonstration gegen die Kunstmesse selbst stattfinden. Für sie hatte unter anderem Cultures en lutte mobilisiert, ein Zusammenschluss von Kunststudierenden und Beschäftigten des Kulturbetriebs, der sich einem bereits in den sozialen Netzwerken kursierenden Protestaufruf angeschlossen hatte. Im Aufruf wird der Reichtum der auf der Messe versammelten Multimillionäre den fehlenden öffentlichen Mitteln für Bildung, Gesundheit und Kultur gegenübergestellt. Cultures en lutte ruft dabei ausdrücklich zu einer friedlichen Protestaktion auf.
Man könnte unbedarft meinen, dem internationalen Kunstmarkt drohe eine empfindliche Niederlage und die Aufständischen hätten tatsächlich einen wunden Punkt getroffen oder gar einen wirksamen Hebel zu ihren Gunsten gefunden. Nichts davon ist wahr: Tatsächlich haben einige der größten Geschäfte zu diesem Zeitpunkt längst stattgefunden. Am Dienstag hatte die Messe mit einer besonders exklusiven Avant-Première begonnen, die anschließenden VIP-Previews am Mittwoch und Donnerstag konnten weitgehend planmäßig über die Bühne gehen. Hauser & Wirth meldete den Verkauf zweier Gemälde von Gerhard Richter und Georg Baselitz für jeweils rund zehn Millionen Dollar. White Cube verkaufte zwei Arbeiten von Julie Mehretu für jeweils 7,85 Millionen Dollar und David Zwirner einen weiteren Richter für 8,5 Millionen Dollar [1]. Millionenschwere Werke haben damit bereits ihre neuen Eigentümer:innen gefunden. Dass dabei auch die Geschlechterverhältnisse nicht ganz uninteressant sind, zeigt ausgerechnet die aktuelle Sammlerstudie von Art Basel und UBS: 13 Prozent der befragten vermögenden Männer, aber nur sieben Prozent der ebenso vermögenden Frauen kauften Kunstwerke für mehr als 100.000 (!) Dollar, also für mehr als das 2,7-Fache des durchschnittlichen französischen Jahresnettolohns [2]. Die internationale Sammler:innen-Elite hat bekommen, wofür sie gekommen war.
Tatsächlich gestrichen wurden ausgerechnet Samstag und Sonntag – zwei der drei regulären Publikumstage. Von den ursprünglich vorgesehenen drei Tagen, an denen sich auch einfache Besucher:innen für immerhin 47 Euro Eintritt die ausgestellte Kunst ansehen durften, bleibt damit gerade einmal der Freitag übrig.
Es ist eine bemerkenswerte Verteilung der Kollateralschäden, und man muss sich die Frage stellen, wer hier eigentlich wen trifft: die Multimillionäre und Milliardäre, gegen deren Kunstmarkt sich der Protest ausdrücklich richtet, haben ihre wichtigsten Einkäufe längst erledigt, und die verkaufenden und ausstellenden Galerien haben einen erheblichen Teil ihrer wichtigsten Kundschaft bereits empfangen. Der vorzeitige Abbruch bedeutet vor allem wirtschaftliche Verluste für jene kleineren Galerien, deren Geschäfte nicht ausschließlich während der VIP-Previews gemacht werden können. Der unmittelbarste und offensichtlichste Verlust an öffentlicher Zugänglichkeit trifft ausgerechnet jene Menschen, die an diesem Wochenende nicht zum Kaufen, sondern zum Schauen angereist sind – ein mindestens in gleichen Teilen interessiertes und kunstaffines Publikum.
Eine bemerkenswerte Zuspitzung erfährt die Absurdität der ganzen Angelegenheit durch den Aufruf von Cultures en lutte, hinter dem sich Kunststudierende und Beschäftigte des Kulturbetriebs versammeln. Völlig zu Recht kritisieren sie die Unterfinanzierung von Bildung, Gesundheit und Kultur. Der Etat der französischen Haushaltsmission Culture ist 2026 gegenüber dem des Vorjahrs um rund 170 Millionen Euro gekürzt worden, an den weiterführenden Schulen wurden laut Bildungsministerium im Schuljahr 2024/25 nahezu zehn Prozent der vorgesehenen Unterrichtsstunden nicht erteilt, und die öffentlichen Krankenhäuser verzeichneten für 2025 ein geschätztes Defizit von rund 2,3 Milliarden Euro [3]. Die Protestierenden stellen diesen Verhältnissen den immensen privaten Reichtum gegenüber, der sich auf einer Kunstmesse wie der Art Basel versammelt, und verlangen ausdrücklich eine alternative Vorstellung von Kunst und Kultur als jene, die der internationale Kunstmarkt repräsentiert.
Dagegen wäre zunächst wenig bis gar nichts einzuwenden. Die zunehmende Konzentration von Reichtum, die Privatisierung kultureller Güter und die prekären Arbeitsbedingungen zahlreicher Kunstschaffender verdienen zweifellos Kritik. Nur wird aus einer zutreffenden gesellschaftlichen Diagnose nicht automatisch eine sinnvolle politische Intervention. Niemand – außer den Falschen – hat dabei gewonnen, wenn die Bourgeoisie ihre Geschäfte erledigen konnte und nun ausgerechnet der Zugang für diejenigen eingeschränkt wird, die sich Kunst ansehen wollten, ohne sie sich jemals selbst leisten zu können.
Selbstverständlich haben die Protestierenden die Schließung nicht eigenhändig verfügt – es war eine Entscheidung der Veranstalter unter Verweis auf mögliche weitere Ausschreitungen, nachdem es bei vorangegangenen Protesten tatsächlich auch zu Gewalt gekommen war. Ebenso selbstverständlich dürfen die zahlreichen friedlichen Kundgebungen nicht mit diesen gewaltsamen Ausschreitungen gleichgesetzt werden, auch wenn genau diese Gleichsetzung ganz im Sinne rechter Narrative eine ebenso bequeme wie falsche Verantwortungszuweisung ermöglicht.
Das Ergebnis ist grotesk: eine Protestbewegung, die sich gegen die Privatisierung der Kultur richtet, sieht sich mit einer Situation konfrontiert, in der die Öffentlichkeit den Zugang zur Kunst verliert, während privilegierte Marktteilnehmende ihn bereits ausgiebig nutzen konnten. Während die einen ganz zu Recht eine „andere Vorstellung von Kunst und Kultur“ einfordern, demonstriert der Kunstbetrieb seine ganz eigene: ausgerechnet jene Tage, die einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang ermöglichen sollten, werden gestrichen. Dass sogar die frei zugänglichen Skulpturen des öffentlichen Begleitprogramms an der Avenue Winston Churchill vorzeitig abgebaut werden sollen, vervollständigt die Farce [4]. Nicht einmal jene Kunst, für deren Betrachtung keine Eintrittskarte benötigt wird, bleibt zugänglich.
Es wäre reichlich naiv, mit der Schließung der Art Basel bereits einen Erfolg der Protestbewegung gegen die Macht des internationalen Kunstmarkts erkennen zu wollen. Im Gegenteil: die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hierarchien, gegen die sich der Protest richtet, bleiben weitestgehend unangetastet. Diejenigen, deren Privilegien eigentlich zur Disposition stehen sollten, haben sie bereits ausgiebig in Anspruch genommen. Ausgesperrt wird stattdessen das Publikum, das in dieser Auseinandersetzung bestenfalls eine passive Statistenrolle spielen darf.
Das ist insofern bemerkenswert, als eben jene Öffentlichkeit auf beiden Seiten ansonsten unter so redseligen wie hyper-empathischen Beteuerungen zur Legitimation herhalten muss: der Kunstmarkt beschwört seine gesellschaftliche Bedeutung, die Protestierenden beanspruchen, für eine andere, weniger exklusive Vorstellung von Kunst und Kultur einzutreten. Dass sich ausgerechnet deren potenzielle Nutznießer nun vor verschlossenen Türen wiederfinden, scheint dabei niemanden sonderlich zu stören.
So hat die Art Basel ihre wichtigsten Geschäfte gemacht, die Protestbewegung zumindest einen symbolträchtigen Gegner gefunden – und das Publikum darf sich einmal mehr mit jener Rolle begnügen, die ihm im internationalen Kunstbetrieb ohnehin zugedacht ist: zuschauen. Nur diesmal nicht einmal die Kunst.
Fussnoten
[1] Naomi Rea: „Preview Days at Art Basel Paris Saw Big Sales, but Could Fair Organisers Be ‘Even More Radical’?“, Ocula, 22. Oktober 2026. Artikel.
[2] Arts Economics: The Art Basel & UBS Survey of Global Collecting 2026, Kapitel 7, „Female Collecting“, Abschnitt 7.1. Studie.
[3.1] ARTCENA: „Loi de finances 2026: 3,54 Md€ alloués à la mission Culture“, 27. Januar 2026. Artikel.
[3.2] Französisches Bildungsministerium (DEPP): Arnaud Stefanou: „La part du temps d’enseignement non assuré dans les établissements publics du second degré en 2024–2025“, Note d’Information, Nr. 26-14, 30. April 2026. Statistik.
[3.3] DREES: Zinaïda Salibekyan-Rosain et al.: „Le déficit des hôpitaux publics diminue en 2025 mais reste à un niveau élevé“, Études et Résultats, Nr. 1380, 28. Studie.
[4] Anna Lee: „Shuttering Early, Art Basel Paris Also Removes Public Sculptures“, Hyperallergic, 22. Oktober 2026. Zum angekündigten vorzeitigen Abbau der öffentlich zugänglichen Skulpturen an der Avenue Winston Churchill: Artikel.
Alexander Guillot
betreibt unter dem Namen „Guillot Review“ eine Plattform auf Substack sowie ein Instagram-Profil. Er veröffentlicht essayistische Texte, Literaturkritiken und Rezensionen zu popkulturellen, gesellschaftlichen und politischen Themen.
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