Review

Mythen schichten: Georgia Gardner Grays gemaltes Zeitalter

10. September 2026
Veronika Sattlecker

In einer kleinen Ausstellung im Rupertinum in Salzburg – zwei Räume, zwölf Werke – gräbt Georgia Gardner Gray mit ihren Malereien in Schichten von Vergangenheit und erzählt dabei auf beunruhigend aktuelle Weise über eine Gegenwart der Krisen.

Ein Gemälde in einem dunklen Raum und eine Tür in einen zweiten Ausstellungsraum
Ausstellungsansicht mit „Flock“ (2026) und „Stones“ (2026) von Gray und „Keil“ (1988) von Zogmayer © Andrew Phelps

Die Göttin der Erinnerung wird in der griechischen Mythologie Mnemosyne genannt. Den gleichen Namen trägt auch der unvollendete Bilderatlas des Kunstwissenschaftlers Aby Warburg, der zeigen sollte, wie Motive aus der Antike in der europäischen Kultur weiterleben. Dabei gruppierte Warburg Fotografien von Bildern nach Thema – und kombinierte nicht nur klassische Objekte der Kunstwissenschaft, sondern auch Werbefotos oder Zeitungsausschnitte. Ein klein wenig so arbeiten auch Georgia Gardner Gray und Kuratorin Marijana Schneider im Museum der Moderne Salzburg für die Ausstellung Stones.

Gray, die 1988 in New York geboren wurde und heute dort und auf Mallorca lebt und arbeitet, vereint in der Ausstellung Malereien mit Werken aus dem Sammlungsbestand des Museums. Der einführende Wandtext hält es den Besuchenden der Ausstellung offen, die Gruppierung der Werke wie bei Warburg weiterzudenken, umzuschichten und frei zu assoziieren. Dennoch geht es klar um die Frage, wie das Kunstschaffen einer bestimmten Zeit zu einem anderen Zeitpunkt bewertet wird. Was wir in historischen Artefakten zu sehen meinen, erzählt wohl oft eben soviel über die Gegenwart wie über die Vergangenheit dieser Objekte.

Ansicht einer Ausstellung mit drei Bildern an einer dunklen Wand
Ausstellungsansicht mit „Flock“ und „Long Meg and Her Daughters“ (beide 2026) und Fotografie von Iris Andraschek © Andrew Phelps

Abseits schwitzender Touristenströme beginnt Stones mit einem kleinen zweidimensionalen Diorama an skurrilen Postkartenmotiven. In Flock (2026) sammelt sich eine Gruppe schwarzer, wolliger Widder gemeinsam mit einer Touristengruppe vor einer Reihe spitzer Monolithen beim englischen Stonehenge. Die dunkle Wandfarbe und kühle Luft im ersten Raum lassen die bunten Farben und das regnerische Wetter auf Grays Eingangswerken umso stärker hervortreten. Wie Alte Meister sich Seidenumhängen oder Fellmänteln stellten, malt Gray ein Plastik-Cape im Regen, die Neonfarben dicker Winterjacken knallen in die fast dystopische Landschaft. Eine Herde Tourist:innen pilgert zu Stonehenge.

Dort ragen die spitzen Felsen wie extraterrestrische Zähne in die Höhe; Düsenjets durchbrechen die Atmosphäre: In Long Meg and her Daughters (2026), sowohl Bildtitel als auch neolithischer Steinkreis in Nordengland, treffen sich Mythos und Popkultur. Der Legende nach wurden hier Hexen zu Gestein verwandelt. Ein Motiv, das sich von Wordsworths Gedichten bis zu Kinofilmen des 21. Jahrhunderts spannt, für die der Ort als Kulisse diente. Die Sandsteinfelsen schimmern je nach Lichtverhältnis in Rot-, Blau- und Grautönen. Diese Farbwahl trifft auch Gray für die Hauttöne ihrer gemalten Touristen. Den langen Schatten von Long Meg übersetzt sie in ihren Bildern als geschichtlichen Eindruck. Auf der gegenüberliegenden Wand graben sich Forschende in diese Geschichte, tragen blutrote Erde ab und legen menschliche Überreste als historische Artefakte frei.

Eine Ausstellungsansicht mit zwei Gemälden und einer Fotografie
Ausstellungsansicht mit „Dear Darkening Ground“ und „Antichrist“ (beide 2026) von Gray, dazwischen chromogener Abzug auf Aluminium von Andraschek (2002) © Andrew Phelps

Neben Grays Archäolog:innen und Antichrist (2026) werden zwei chromogene Abzüge auf Aluminium von Iris Andraschek (*1963) aus der Serie „[…curious, nervous, but nothing happens]“ (2002) ausgestellt. Diese hat Gray quasi aus der Fotosammlung des Bundes exkaviert und kombiniert: „Selecting them for their mimetic qualities as one may source images using a search engine today“, lässt sich auf der Website von Sadie Coles über die Auswahl der Werke nachlesen.[1] Hier weicht Grays Methode also von Warburgs Mnemosyne-Praxis ab: durch geschicktes Assoziieren schichten sich in den einzelnen Arbeiten mit der Ölfarbe auch Mythen, popkulturelle Bildelemente und Fragmente immateriellen Kulturerbes zu einem möglichen Befund der Gegenwart.

Ein Ausstellungsraum mit Gemälden und künstlerischem Artefakt auf dem Boden
Blick zurück von Raum 2 in den ersten Ausstellungsraum, v.l.n.r. „Dear Darkening Ground“, „Star Power“ und „On a Plastic Day“ (alle 2026) © Andrew Phelps

Bedeutungsvoll leuchtet auch der Durchgang in den zweiten Ausstellungsraum: Was schwelt dort? Die orange-rote Wandfarbe flackert, vor den Monolithen in Star Power (2026) ruft eine Gestalt ein neues Zeitalter aus, dahinter jagen wieder Düsenjets über den grauen Himmel. Grays Malerei wird beinahe zur Gegenwartsaufnahme. Bilder des aktuellen Hitzesommers kommen in den Sinn. Die Hitze selbst wurde zur Archäologin und macht unter verbranntem Gras, etwa in Derbyshire, eine Gartenarchitektur aus dem 17. Jahrhundert sichtbar. Auch die Monolithen von Stonehenge stehen inzwischen in verdorrtem Land: BBC Verify zeigt Satellitenbilder der Sehenswürdigkeit und der Guardian titelt Anfang August mit „Relentless UK heatwaves turn ‘green and pleasant land’ brown“ [2] und zitiert dabei ein Gedicht von William Blake, das die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit kritisch-satirisch hinterfragt. Dazu zeigt der Guardian eine menschenleere Luftaufnahme vom Steinkreis in Wiltshire. Viel aktueller könnte Gray ihre Steine also kaum gewählt haben.

Ein Ausstellungsraum mit Gemälden und zwei verschlossenen Türen
Ausstellungsansicht mit „On a Plastic Day“ und „Stones“ (2026) und Leo Zogmayers „Keil“ (1988). Von hier geht es links weiter zur Caramelle-Ausstellung und rechts zum Generali Foundation Studienzentrum © Andrew Phelps

Wer von hier weitergeht und sich von Lovis Corinths Bacchantenzug (1895) löst, den Gray mit gemalten Touristengruppen kombiniert, verlässt regenfeuchte Böden und steht plötzlich mitten in Ernst Caramelles Denkfiguren, der nächsten Ausstellung im Rupertinum. Hier fragt eine Museumsbesucherin ihre Begleitung verwundert: „C’est tout?“ Ist das schon alles? Ja, leider. Denn eigentlich möchte man nach diesem kurzen eskapistischen Zwischenstopp weiterreisen mit Gray und sehen, welche Werke aus der Sammlung sie mit ihren eigenen Arbeiten assoziiert, welche Geschichten ihre Steine noch zu erzählen vermögen.

Fussnoten

[1] Sadie Coles: https://www.sadiecoles.com/exhibitions/stones
[2] The Guardian: https://www.theguardian.com/environment/2026/aug/02/july-set-to-be-driest-on-record-for-england-and-wales-after-relentless-heatwaves

BIS 4. OKTOBER

GENERATOR #5: Georgia Gardner Gray. Stones

Kuratiert von Marijana Schneider 

Museum der Moderne Salzburg, Rupertinum
Dienstag bis Sonntag | 10 bis 18 Uhr

Der GENERATOR ist ein Ausstellungsformat des Museum der Moderne, das mit klassischen, starren Ausstellungsstrukturen brechen soll und Raum für junge oder bisher weniger beachtete künstlerische Positionen bietet.