Maldonne: Zwischen Sich-Zusammenreißen und Aus-Allen-Nähten-Platzen
29. Juni 2026
Anna Menslin
„Maldonne“ ist ein feministisches Tanzstück von Leïla Ka, das noch lange nach der Aufführung nachwirkt. Zum ersten Mal in Österreich zu sehen war die Choreografie auf der Bühne der SZENE Salzburg im Rahmen der Sommerszene 2026
Zusammenreißen. Selbstregulieren.
Atem kippt. Körper kippt.
Hyperventilieren. Aus allen Nähten platzen. Schwarz.
Maldonne arbeitet mit einer scheinbar einfachen Struktur. Szene folgt auf Szene, Übergänge werden durch Kostümwechsel markiert; 40 Kleider bestimmen die Dramaturgie. Doch diese Linearität wird permanent unterbrochen und in eine komplexe Vielschichtigkeit überführt: abrupte Blackouts, Einsätze lautstarker Musik, Stürze und harte Schnitte reißen den Verlauf auf gewaltige Weise auf. Diese Ausbrüche zusammen mit der textilen Überladenheit bestimmen die choreografische Logik der Arbeit und produzieren einen unaushaltbaren Zustand zwischen Sich-Zusammenreißen und Aus-allen-Nähten-Platzen.
Zu Beginn stehen fünf Frauen isoliert unter jeweils einem Lichtkegel, der von der Decke auf sie hinunter brennt. An ihren Körpern hängen geblümte Kleider herab. Die Arme der Tänzerinnen vor dem Brustkorb verschränkt, die Hände ineinander gelegt oder ein Finger, der eine Träne von der Wange aufnimmt – stilisierte, überzeichnete Gesten. Mit diesen Bildern setzt eine Choreografie des Atmens ein: zunächst eng am Brustraum geführt, kontrolliert, ein Versuch des Zusammenhaltens. Der Atem kippt in Seufzen, Schluchzen, durchströmt den Körper, wird zum solidarischen Rhythmus, hyperventiliert, führt zum Kollaps. Systemabsturz.
Jetzt in Animalprint-Hemdblusenkleidern wiederholen die Performerinnen insistente Putzbewegungen auf allen vieren – ein Feststecken im Rhythmus von Wischen, Reiben, Wiederholen. Sie schreien, sie fluchen. Der Rockzipfel wird zum gefährlichen Werkzeug: Fetzen, Peitsche, Knebel. Für diese Schwerstarbeit bleibt der Applaus systemisch aus. Dann der Ausbruch: „Je suis malade“ [dt.: ich bin krank], eine Chanson von Lara Fabian, die vom Ensemble mit gebrüllt wird und kathartisch die Szene sprengt. Anerkennung greift erst im Moment des Kostümwechsels in dekorativ wallende Tanzröcke und weite Tuniken. Mit ein paar koketten Posen, Luftküssen, zierlichen Knicksen und gespielter Scham fordern die Tänzerinnen mitten im Stück Beifall ein. Das Publikum klatscht.

Der Applaus hierfür hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Was folgt, ist eines der verstörendsten und zugleich beeindruckendsten Bilder des Abends: Fünf an Seilen befestigte Haken fahren herab. Die Tänzerinnen entledigen sich der oberen Schichten ihrer Gewänder und hängen diese leeren Hüllen an den Haken auf, während sie in schwarzen Kleidern weitertanzen. Spätestens hier kippt die Wahrnehmung endgültig: Im Verlauf des Stücks hat sich ein textil-fleischliches Ensemble gebildet, in dem Körper und Kleider nicht mehr zu trennen sind, sondern als Logik von An- und Abwesenheit ineinandergreifen. Jedes abgelegte Kleid markiert zugleich die Präsenz und den Verlust eines Körpers, der sich im Stoff fortsetzt. Die 40 Kostüme waren die ganze Zeit 40 Frauen. Jede einzelne trägt einen Namen.
Aus dieser Installation kippt die Szene ins Groteske: Die Tänzerinnen treten im Negligé auf, die Haken werden abrupt gelöst und die Kleider, wie Körper am Glagen, gehängt. Barocke Musik setzt ein und mit ihr überzeichnete Slapstick-Exzesse, übersteigerte Körperlichkeiten, ein System aus Überformung und Kontrollverlust, das in einer Konfettikanone kulminiert, die aus einem schwangeren Körper heraus explodiert.
Am Ende kehrt das Ensemble zur Atemchoreografie zurück. Alle zuvor verteilten Schichten werden jetzt noch einmal rekapituliert: jeder der 40 Körper erscheint in den übereinander getragenen Kleidern des Stücks, wird kurz sichtbar gehalten und Schicht für Schicht wieder abgelegt, abgelöst und fallen gelassen. Knöcheltief stehen die Tänzerinnen in einem textilen Schlachtfeld.
Maldonne wirkt noch lange nach der Aufführung nach, weil es nicht auf der diskursiven Ebene seines feministischen Themas bleibt, sondern eine Wirkung konsequent über die materiell-textile und körperliche Ebene entfaltet. Gerade darin liegt die Stärke des Stücks.
Zusammenreißen. Selbstregulieren.
Atem kippt. Körper kippt.
Hyperventilieren. Aus allen Nähten platzen. Schwarz.
Leïla Ka: Maldonne
Sommerszene Salzburg
Maldonne ist eine choreografische Arbeit der französischen Choreografin Leïla Ka aus dem Jahr 2023, mit der sie weltweit tourt. Erstmals in Österreich zu sehen war das Stück bei der Sommerszene in Salzburg am 16. Juni 2026. Wer nun neugierig geworden ist: Das Stück wird Ende Juli bei ImpulsTanz in Wien aufgeführt.
Die Sommerszene Salzburg ist ein internationales Festival für zeitgenössischen Tanz, Performance und Musik, das jährlich im Frühsommer über zwei Wochen in Salzburg stattfindet und aktuelle choreografische Arbeiten aus der internationalen Szene zeigt. Ergänzend gibt es ein Rahmenprogramm mit Artist Talks, Workshops und Partys, das Einblicke in künstlerische Prozesse ermöglicht und den Austausch zwischen Publikum und Künstler:innen fördert.
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