„Linda Lach. all keys, all times“ im Salzburger Kunstverein
22. Mai 2026
Clara Pohl
Linda Lach realisiert mit „all keys, all times“ die schwerste Installation in der Geschichte des Salzburger Kunstvereins – und zeigt Systeme, die nur noch mühsam zusammengehalten werden.
Betritt man den Salzburger Kunstverein, liegt ein schwerer, süßlicher, fast stickiger Duft in der Luft, der am Eingang der Ausstellung immer intensiver wird. Der Raum wirkt dadurch sofort anders – nicht wie ein neutraler white cube, sondern gedrängt und beinahe unangenehm nahe. Linda Lach hat in den Saal eine zweite, fast erdrückende Decke eingezogen. Breite Bahnen schweben knapp über Besucher:innen, hängen durch, werfen Falten, kleben aneinander. Das Material erinnert an durchnässte, mit Salzwasser getränkte Baumwolle, wirkt schwer und gleichzeitig instabil. Es nimmt den Raum ganz ein, ich verspüre den Drang, es berühren und auswringen zu wollen. Erst an den Stellen, an denen die durchgezogene Decke endet, erschließt sich die Installation. Habe ich anfangs nur die weichen Oberflächen wahrgenommen, erkenne ich jetzt ein Gerüst aus Metall, das alles zusammenhält. Was eben noch organisch oder beinahe zufällig wirkt, erscheint auf einmal präzise konstruiert und kontrolliert.
Unter der installierten Decke, eigentlich Bahnen aus Latex, befindet sich eine größere Skulptur, die wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit wirkt. Gemeinsam mit den ‚durchtränkten‘ Baumwollbahnen’ entsteht der Eindruck einer Unterwasserwelt – als wäre man gerade auf ein Schiffswrack gestoßen. Dieses Gefühl des Zurückgelassenseins setzt sich in einem winzigen Video fort, das wie ein kleines Fenster in ein präzise gebautes Holzhäuschen an der Wand eingelassen ist: Auf dem Video ist eine Person in einem mit Dingen überladenen Raum zu sehen, die immer wieder dieselbe monotone Handbewegung ausführt, ein ständiges Winken ohne Gegenüber, das wie ein ins leere laufendes Ritual wirkt. Die Arbeit erweitert den Blick der Besucher:innen um eine weitere Ebene, die wieder gedrängt und unangenehm nahe wirkt.
Eine weitere Skulptur lehnt an der gegenüberliegenden Wand des Raumes: ein Möbelstück, das an ein Nachtkästchen erinnert – beschädigt, ebenfalls wie aus einer anderen Zeit. Aus dem Holz ragen dieselben Metallstäbe hervor wie beim ‚Schiffswrack‘. Auf dem Kästchen sind Knöpfe, ein Kamm und ein Stück Stoff platziert – es erinnert an Spoerris tableaux vivants. Schatten ähnlicher Gegenstände scheinen sich auch durch die Latexdecke abzuzeichnen, wenn man darunter hindurchgeht.



Die drei Skulpturen wirken wie Reste einer Infrastruktur, deren ursprüngliche Funktion nicht mehr nachvollziehbar ist. Gerade weil diese Elemente so unspektakulär bleiben, funktionieren sie gut. Ich bewege mich unter der so tief eingezogenen Decke durch den Raum und habe ständig das Gefühl, dass die Ausstellung mich lenkt, ohne dass klar wird, wodurch genau. Vieles wirkt offen, gleichzeitig aber seltsam verschlossen.
Der Titel der Ausstellung suggeriert dabei eine völlige Verfügbarkeit: all keys all times klingt nach Zugangssystemen, digitalen Codes oder permanenter Erreichbarkeit. In der Ausstellung selbst geht es aber eher um das Gegenteil. Es entsteht eine Art Verzögerung. Bewegungen werden langsamer, Stimmen automatisch leiser. Das Latex schluckt Licht, verändert die Akustik des Saals. Fast unbemerkt verweile ich länger als vorgesehen. Laut Ausstellungstext ist Lach beeinflusst von der Werckmeister-Temperatur: Bei dieser wird eine Oktave in zwölf gleich nutzbare Töne geteilt wird, sodass in allen Tonarten gespielt werden kann – „all keys all times“ meint hier letztlich auch musikalische Schlüssel – ein System permanenter Offenheit, in dem alles spielbar, aber nichts mehr vollkommen stimmig erscheint. Alles wird dadurch möglich, und nichts klingt mehr eindeutig. Lach spielt mit dieser Anmutung einer Dissonanz der Dinge. Vieles scheint unter Spannung zu stehen oder langsam nachzugeben – passend dazu handelt es sich bei der eingebauten zweiten Decke aus Latexbahnen tatsächlich um die schwerste Arbeit, die bislang im Kunstverein realisiert wurde. Für die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin wirkt diese physische und räumliche Intervention bemerkenswert mutig.
Lach zeigt keine perfekten Systeme, sondern Strukturen, die zwar noch funktionieren, aber bereits ermüdet wirken. Genau darin liegt die Stärke der Ausstellung – gezeigt wird nicht der Moment des Zusammenbruchs selbst, sondern ein Zustand kurz davor: Die eingezogene Latex-Decke, die zurückgelassen wirkenden Skulpturen und die monotone Bewegung im Video erzeugen gemeinsam das Gefühl eines Systems, das sich nur noch durch Wiederholungen aufrechterhält. Nichts kippt endgültig, aber alles scheint kurz davor. Gerade diese permanente Instabilität macht all keys all times zu einer eindringlichen ersten institutionellen Einzelausstellung.
Linda Lach: all keys, all times.
Salzburger Kunstverein
Eine Rückschau auf die Ausstellung vom 07. März bis zum 10. Mai 2026
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