Körper, Landschaften und ihre Bildpolitiken. Interview mit Lisa Wieder und Mateusz Dworczyk
28. Mai 2026
m53a
Lisa Wieder und Mateusz Dworczyk dekonstruieren und rekonstruieren in der FÜNFZIGZWANZIG Körper sowie Landschaft und fragen dabei, wie unser Blick und der Umgang mit seinen Resultaten eigentlich zugerichtet wird. Ein Gespräch über digitale Fehlstellen, utopische Körperpolitik und die Lust an der Bild-Irritation
magazin53a: War euch von Anfang an klar, dass ihr auf jeden Fall gemeinsam in der FÜNFZIGZWANZIG ausstellt?
Mateusz Dworczyk: Nein, wir wurden sozusagen schicksalhaft zusammengefügt. Wir kannten uns davor noch gar nicht.
Lisa Wieder: Bevor wir uns überhaupt persönlich gesehen haben, haben wir, glaube ich, erstmal die Portfolios voneinander gesehen. Für uns war sofort sichtbar, dass da in den Ansätzen eine Verwandtschaft besteht, die dann je unterschiedliche Wege einschlagen und Thematiken annehmen. Im Kern geht es bei uns beiden um Fragen von Fiktionalität und um das Hybride, um das Morphende.
m53a: Welche Fiktionalität ist da für euch interessant? Bei Mateusz geht es ja ganz augenscheinlich um Formen von Körperlichkeit – um Körper, die fast Body-Horror-gleich gemorpht und prothetisch zusammengesetzt werden – und bei dir Lisa?
Lisa: Bei mir geht es um Landschaften. Es sind nicht Körperteile, sondern Teile aus einer Landschaft oder Objekte aus einer natürlichen Umgebung wie Holzstücke und Teile von Pflanzen, die ich scanne, um sie im Anschluss zu vergrößern, sodass sie letztlich wieder Landschaften zeigen. Was für mich dabei spannend ist, ist dieses Changieren zwischen den digitalen Vorstufen, die diese Bilder haben, und ihrer Übersetzung ins Analoge, sie also in einen physischen Raum und damit aus dem Digitalen herauszubringen.
m53a: Das Ausgangsmaterial der Motive sind also Fotografien?
Lisa: Eigentlich sind es nicht bloß Fotografien, sondern Fotogrammetrien. Dabei handelt es sich um ein Objekt, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln fotografiert und dann zu einem dreidimensionalen Objekt zusammengerechnet wird. Im Grunde ist das eine Punktwolke, über die die Fotoinformationen wie eine Map gelegt werden – das ist etwa die Vorstufe zu einer LiDAR-Scan-Technologie. Die Technologie kommt ursprünglich aus der Landvermessung. Diese versucht, Oberflächen möglichst präzise wiederzugeben. Ich wende die Technologie aber gegen diese Logik: Die 3D-Objekte bearbeite ich weiter, verziehe sie, drücke sie ein, glätte sie – wie einen digitalen Ton. Dann ist mir das Herausholen aus dem Digitalen wichtig, das Rückübersetzen ins Analoge. Da geht es darum, mich von der scheinbaren Perfektion der Digitalität zu distanzieren – um ein sehr grobes, organisches Rauschen zu finden.
m53a: Diese Fotogrammetrien – letztlich eine Anhäufung von Daten und Informationen – bekommen also etwas Körperhaftes und damit auch wieder eine Fehlerhaftigkeit.
Lisa: Genau. Mit digitalen Technologien kann man schnell hineinkippen in eine Technikverliebtheit. Mich reizt gerade die Gegenrichtung: Nicht der digitalen Scheinperfektion nachzugeben, sondern dem Rauschen und den Fehlerstellen wieder Raum zu geben.
m53a: Zeigt sich das auch als zentrales Moment in deiner Arbeit, Mateusz? Diese Fehlerhaftigkeit, und vielleicht sogar eine gewisse „Fetischisierung“ dieser?
Mateusz: Begehren – würde ich eher sagen. In beiden unseren Arbeiten steckt eine Form von Konstruktion und Dekonstruktion: das Entnehmen aus der Welt und dann das Überführen und Rücküberführen. In diesen Übergängen entstehen einerseits intentionale Eingriffe – wie Lisa das beschrieben hat – und andererseits Zufälle, auf die man sich einlässt oder mit denen man weiterzuarbeiten lernt. Ausgangspunkt vieler meiner Arbeiten ist eine generative Bildproduktion. Die Vorlagen für die meisten Arbeiten sind algorithmisch erzeugte Körper, die ich dann in 3D-Modelle übersetze.
m53a: Du speist fotografisches Material von Körpern in digitale Modelle ein und arbeitest mit dem, was dabei an Fehlern und Unerkanntem entsteht. Wie viel Kontrolle behältst du dabei? Wo fängt deine eigene Bildsprache an?
Mateusz: Für die Arbeit Body Options habe ich mit Balletttänzer:innen gearbeitet und dafür viele Abfolgen von Bewegungen im Studio fotografiert, die ich dann in ein Machine-Learning-Modell eingespeist habe. Dabei haben mich die Glitches interessiert, die Stellen, an denen der Körper nicht erkannt wird, wo etwas im Transfer zum digitalen System hervortritt. Ich wollte dann aber nicht dabei verbleiben – das passiert bei so vielen Arbeiten. Es wird gesagt: Okay, jetzt hat mir das die Maschine generiert, bitteschön – Started making it. Had a breakdown. Bon Appetite. Bei mir ist es dieses Präfigurative, das vom Zielbild her denkt: Was, wenn mein Ergebnis nicht 20 mal 20 Pixel klein und pixelig ist, sondern die Detailtreue einer fotorealistischen Großbildformatkamera bekommt? Da fängt der Übersetzungsprozess an – ich habe zwar eine Vorlage, aber ich löse mich davon und imaginiere etwas hinein, was man eigentlich gar nicht sehen kann: Hautstruktur, Behaarung, Licht, Komposition. Das kommt dann von mir.
m53a: Das Ergebnis – diese Körper, die aus diesem Prozess hervorgehen – wirkt fast wie eine Form von Mutation, um nicht zu sagen, eine Form von Gewalt …
Mateusz: Ja, aber ich bin überhaupt nicht auf Angstlust aus.
m53a: Und um Ekel geht es auch nicht?
Mateusz: Schon, aber deswegen heißt die Arbeit zum Beispiel Body Rorschach. Das ist das, was du darin siehst – die Betrachtenden machen das selbst. Das ist die Affektion, die die Bilder haben, die aber super individuell sind.
m53a: Die Körper in deinen Arbeiten werden nicht nur geremixt, gesamplet, vergrößert und detailliert. Du spielst auch immer mit ganz anorganischen Formen und Objekten, seien es Kopfhörer oder Schraubklemmen. Was hat es damit auf sich?
Mateusz: Das sind kunsthistorische und popkulturelle Referenzen. Normalerweise würde ich das gar nicht so ausdeklinieren, aber wenn du fragst: Das hier ist eine Nelke – ein altes Symbol der Arbeiterklasse. Die Blume mit den zwei Augen ist das Zeichen der heiligen Lucia, die sich die Augen ausgestochen haben soll, um nicht verheiratet zu werden, was momentan als feministischer Move interpretiert wird. Es gibt viele Gemälde, die den Körper und das, was ihn prägt – Religion, Politik, Wirtschaft – aufeinandertreffen lassen. Das passiert hier auch. Das sind kleine Hinweise.
m53a: Würdest du sagen – wenn du das vor dem Hintergrund der Postmoderne liest –, hat dieses Motiv der mutierten Körper etwas Dystopisches? Hat das mit einer kulturpessimistischen Lesart eines neuen digitalen, generativen Zeitalters zu tun?
Mateusz: Das könnte man so lesen. So wie ich aber die Körperausleuchtung, die Lichtsetzung wähle, eher nicht. Die streut warmes Licht, Sonnenlicht. Ich könnte das ganz anders machen. Das könnten richtig blaue Körper sein wie im Schlachthoflicht.
m53a: Dann hätte das einen wirklichen Leichencharakter.
Mateusz: Genau, das soll es eben nicht. Es geht hier explizit um Vitalität. Unsere Körper werden nützlich gemacht – und diese Körper in meinen Arbeiten sind nicht nützlich. Die kannst du nicht in eine kapitalistische Verwertungskette einzwingen.
m53a: Weil sie keine Intention haben.
Mateusz: Genau. Das ist ja eigentlich eine Form von utopistischem Gegenentwurf zur spätkapitalistischen Gesellschaft. Etwas sehr Verheißungsvolles. Wenn man dem eigenen Körper seine Verwertbarkeit entzieht, bricht das System zusammen.
m53a: Die angesprochene Nelke ist auch ein Symbol für queere Identität. Und das kann ja eine Form von Queerness sein – den Körper dieser Verwertbarkeit zu entziehen und der klassisch-hegemonialen Logik, die immer mit kapitalistischen Systemen einhergeht.
Mateusz: Und dann hast du die Perlenkette – die kannst du als modisches Zeichen lesen, heute im Kontext von „Cool Boys“ als Umkehr von Maskulinität und Femininität. Für mich ist es aber auch eine Anspielung auf ein Wachsmodell aus dem Josephinum, die Anatomische Venus: ein anatomisches Modell einer aufgeschnittenen Frau, zu Lehrzwecken – aber beschönigt dargestellt, mit rosa Wangen und langen Haaren. Da kommen Körper, Kunst und Kultur zusammen. Eigentlich ist das ein Lehrmodell, aber der Körper wurde nicht sachlich dargestellt, sondern in patriarchale Muster gezwängt.
m53a: Obwohl es vorgeblich um die objektive Dekonstruktion von Körpern geht, offenbart sich der Körper also in seiner Präsentation immer noch als kulturhistorische Konstruktion.
Mateusz: Genau. Das erzeugt auch frauenfeindliche Fantasien.
m53a: Lisa, wenn du sagst, dass du dich in erster Linie mit Formen von Landschaft und Verständnissen von Natur auseinandersetzt – sind das auch Dinge, die du vor dem Horizont von Körperpolitik denkst? Bei Mateusz ist die Körperlichkeit so präsent, die Frage, wie sich Kultur, Geschichte und soziale Gegebenheiten auf den Körper auswirken – kann man dieselben Themen auch auf die Landschaft übertragen?
Lisa: Ich denke, dass man das Verständnis von Natur und Landschaft auflockern muss. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, wie fluide Landschaften eigentlich sein können – und wie man sie fälschlicherweise oft als naturgegeben und unverrückbar ansieht, obwohl sie das überhaupt nicht sind. Ich halte es für einen wahnsinnig lustvollen Prozess, mit dieser Fluidität einer Landschaft nochmal in einer digitalen Überspitzung zu arbeiten. Diese Veränderbarkeit finde ich wahnsinnig spannend.
m53a: Dabei verlässt du den planen Raum – kannst du mir mehr über die große Installation erzählen?
Lisa: Da wird es für mich erst richtig lustvoll, wenn ich mit diesen 3D-Modellen weiterarbeite und sie versuche zu verzerren und zu verändern, sodass das ursprüngliche Objekt vielleicht gar nicht mehr als solches lesbar ist, sondern wirklich zu etwas Eigenständigem mutiert oder verflüssigt wird. In dem Fall hier ist es ursprünglich die Unterseite einer größeren Pflanzenansammlung. Aber es geht nicht um den Gegenstand, der aufgenommen wurde, sondern eher um seine grundlegende Struktur – und die existiert eben nicht auf einer technoid-präzisen Ebene, sondern eher einer malerischen.
m53a: Und dann folgt die Rückübersetzung in den Raum.
Lisa: Genau. Ich bringe die Objekte erst in einen zweidimensionalen Raum – und manchmal wachsen diese zweidimensionalen Dinge dann wieder ins Dreidimensionale wie bei dem Objekt hier oder dem Textil dort. Das Motiv auf den Drucken ist so eine transformierte Oberfläche, die dann in einem analogen Rauschen landet. Wie die Arbeit dann im Raum hängt bekommt sie eine Bewegung – erinnert aber gleichzeitig wieder ansatzweise an eine Landschaft. Was ich daran spannend finde: Man geht daran vorbei und sie steht nicht still.
m53a: Es ist wirklich spannend, dass sich die Motive in euren Arbeiten formal so ähneln.
Lisa: Bis zu einem gewissen Grad würde ich da widersprechen. Auf den ersten Blick gibt es diese Verwandtschaften – die will ich überhaupt nicht weg leugnen. Aber ich glaube, außer dieser vorgelagerten Ähnlichkeit gibt es auch wesentliche Unterschiede. Mateusz’ Arbeiten würden sich immer von einer Risografie von mir unterscheiden – es gibt einfach eine andere Form von Oberfläche.
Mateusz: Der Unterschied ist natürlich auch, aus welcher Ecke wir kommen. Meine Arbeiten kann man ja auch als Körperlandschaft bezeichnen – das ist natürlich ein bisschen unsexy, aber es würde funktionieren. Deine Arbeiten sind aber keine Körperlandschaften. Da sieht man, dass sie eine andere Herkunft haben. Du kommst aus der Malerei, ich komme aus der Fotografie. Da ist, glaube ich, auch die Denkweise und die Herangehensweise an die Materialität und die Technik ganz anders …
m53a: … ein anderer Bildbegriff.
Lisa: Dieses analoge Rauschen ist für meine Arbeiten einfach zentral. Die Spuren der analogen Drucktechniken, die nicht verborgen werden sollen, sondern essenziell sind. Sowohl in den Drucken als auch im Textil arbeiten sie mit dem Rauschen, das auch in den Risografien vorkommt. Die Siebdrucke rauschen sowieso – durch ihre Materialität und die Transformationsprozesse haben sie immer eine Art Patina.
Mateusz: Bei mir gibt es auch diese Fehler, aber die sind viel dezenter – man muss viel genauer hinschauen. In einigen Bildern siehst du, wo sich die Polygone brechen. Das ist wirklich sehr subtil.
m53a: Ist es nicht spannend, dass man im Digitalen von Fehlern spricht, weil man den Anspruch hat, eine Form von Makellosigkeit zu präsentieren – während man im Analogen nicht von Fehlern spricht, sondern von Medienspezifik?
Lisa: Oder von Patina, Rauschen, ja. Durch die Materialität und das Handgemachte ist das eher gewollt oder einfach part of the deal. Aber ich glaube, das verbindet uns auch. Was du, Mateusz, „Glitches“ nennen würdest, ist auch ein Feiern dieser Stellen und kein Verstecken.
bis 19. juni
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Lisa Wieder und Mateusz Dworczyk
FÜNFZIGZWANZIG
Dienstag bis Samstag
13 bis 18 Uhr
Zur Website von Lisa Wieder
Zur Website von Mateusz Dworczyk
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