Im Porträt

Den „Stillen Aktivismus“ befragen

21. Juni 2026
Regina Niedermayer

© Lukas Gwechenberger

Zwischen leisen Gesten und klarer Haltung entsteht eine Form von Engagement, die nicht laut sein muss, um wirksam zu werden: „Stiller Aktivismus“. Die Künstlerin Barbara Holub arbeitet genau in diesem Spannungsfeld. Ihre Interventionen wollen Räume öffnen, statt sie zu besetzen. Was passiert, wenn Kunst nicht nur zeigt, sondern handelt? Wird dann „Stiller Aktivismus“ porträtiert oder die Künstlerin, die ihn vertritt?

Dieses Porträt nähert sich Holubs künstlerischem Schaffen in einem vielschichtigen Resonanzraum: Ein Gespräch mit Barbara Holub, erweitert durch kommentierende Perspektiven aus Salzburg. Stimmen, die einordnen und weiterdenken. Dabei sollen sie sichtbar machen, wie Stiller Aktivismus wirkt: Im Austausch und in der Gemeinschaft.

In dieser Gesprächsrunde über die Künstlerin und ihr Schaffen sind Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Salzburger Gesellschaft aufeinandergetroffen: Cordula, eine pensionierte Universitätsprofessorin; Hannes, ein selbstständig kreativ arbeitender Familienvater; Mathis, ein Handwerker und Ingenieur mit ausgeprägtem Sozialbewusstsein.

© Lukas Gwechenberger

Regina Niedermayer: Wieso bewegt sich dein künstlerisches Schaffen immer wieder entlang verschiedener gesellschaftlich relevanter Themen und Probleme wie dem Widerstand in Demokratien? Worauf führst du diesen Fokus zurück?

Barbara Holub: Die Themen, mit denen ich mich befasse, sind zurückzuführen auf die Geschichte meiner Familie. Ich habe als Kind erfahren, wie es ist, ausgegrenzt und ausgelacht zu werden. Das Zwischen-den-Kulturen-Stehen hat mein Leben und meine gesellschaftspolitische Einstellung maßgeblich geprägt. Das Entlanggehen an Grenzen, Fragen von Identität über nationalstaatliche Definitionen hinweg, die Frage von Zugehörigkeit und wie Identität überhaupt gebildet wird, das zieht sich durch mein künstlerisches Arbeiten. Ich habe Architektur studiert und hatte immer die Vorstellung, dass die gebaute Umwelt maßgeblich Gesellschaft schafft. So wie wir leben, was priorisiert wird – ob es Autobahnen sind oder öffentliche Räume – fördert entweder den Zusammenhalt der Gesellschaft oder auch ein Auseinanderdriften.

Regina: Arbeitest du immer im öffentlichen Raum, um Menschen zu erreichen und zu sensibilisieren?

Barbara: Mir war es immer wichtig, Ausstellungen in Galerien und Kunstinstitutionen mit Projekten im öffentlichen Raum und in anderen gesellschaftlichen Kontexten zu verknüpfen und dadurch verschiedene Publika zu adressieren. In den vergangenen Jahren hat sich das Arbeiten im öffentlichen Raum noch einmal verstärkt. Zu Beginn der 1990er-Jahre habe ich in vielen Projekten mit Mitarbeiter:innen aus internationalen Konzernen gearbeitet, die nicht aus dem Kunstkontext kommen. Es hat mich sehr interessiert, wie persönlich gefühlte Grenzen in Bezug auf Grenzen, die das Unternehmen als Player eines von globalen Wirtschaftsinteressen dominierten Systems setzt, überschritten und damit auch soziale und humanistische Werte hinterfragt werden können. So habe ich mich zum Beispiel bei Hingabe an die Absichtslosigkeit 1999 für die Porsche Company Salzburg, das im Rahmen eines Programms mit dem Salzburger Kunstverein realisiert wurde, mit dem Verhältnis von Kindsein und Erwachsensein beschäftigt, um zu erfahren, wo Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen dem Arbeitsfeld von Unternehmen und dem künstlerischen Umfeld liegen, und wo Freiräume oder Zwänge entstehen. Diese Gespräche habe ich dann in eine Doppel-Video-Projektion transformiert, die in der Secession gezeigt wurde.

© Paul Rajakovics

Regina: Welches Ziel verfolgst du mit dem Arbeiten mit der Öffentlichkeit?

Barbara: Das, was ich als Stillen Aktivismus bezeichne. Ich stelle mir immer neu die Frage, wie eine Veränderung in Richtung einer sozial gerechteren Gesellschaft stattfinden kann, wie Umverteilung in unserer globalisierten Welt stattfinden kann. Welche Rolle kann Kunst dabei spielen und wie können Menschen angeregt werden, aktiv zu werden, um für Belange der Gemeinschaft einzutreten? In meinen Projekten ist es mir wichtig, einfache Schwarz-Weiß-Sichtweisen zu hinterfragen, Widersprüche zuzulassen und keine eindeutigen Lösungen anzubieten. Ich suche nach Visionen im Sinne von Makro-Utopien auf die Fragen, wie wir mit Unsicherheiten besser leben können, ohne sofort in einfache Antworten oder in Rückzugsmodi zu flüchten. Mich interessiert, wie eine aktive Rolle des Publikums entstehen kann, also wie sich das Verhältnis zwischen Autorin, Künstlerin und Rezipient:innen verändern kann oder andere Relationen entstehen können. Ich biete also eine Situation an, in der Menschen mitwirken können. 

Regina: Ich sehe deine Arbeit als Einladung an Menschen, sich zu bewegen und mitzuwirken. Wie siehst du unsere Gesellschaft heute im Vergleich zu früheren Jahrzehnten?

Barbara: Im mitteleuropäischen Raum gibt es Qualitäten, die wir oft als selbstverständlich ansehen. Städte wie Wien bieten viele konsumfreie Räume, in denen Begegnung möglich ist. Diese Räume sind essenziell für eine funktionierende Gesellschaft. Sie wurden in den vergangenen hundert Jahren hart erarbeitet und sind nicht selbstverständlich. Diese Räume müssen geschützt und weiter bewusst geschaffen werden. Viele Menschen haben mittlerweile Schwierigkeiten, direkte soziale Kontakte zu führen. Sie können sich eher Dystopien ausmalen, aber sehen kaum Utopien, etwa dass eine grundlegende Abwendung vom Kapitalismus möglich wäre, wenn wir soziale und humanistische Werte fördern wollen. Zwischenmenschlicher Austausch ist zentral für Zufriedenheit und Wohlbefinden. Diesen direkten analogen Austausch gilt es wieder zu fördern. Hier kann Kunst eine wichtige Rolle spielen, die immer noch unterschätzt wird. Insbesondere, um dem Dauerstress, den die sozialen Medien erzeugen, entgegenzuwirken.

Mathis: Ich glaube auch, dass das nicht nur ein kulturelles Thema ist, sondern ein gesellschaftliches. Weil öffentliche Räume ja nicht nur für Kunst da sind, sondern für Begegnung. Und Begegnung ist letztlich die Basis von allem. Und wenn diese Begegnung nicht stattfindet, dann zieht sich jeder in seine eigene Bubble zurück. Und dann passiert genau das, was wir vorher gesagt haben: dass sich die Gesellschaft immer mehr aufspaltet.

Hannes: Vielleicht reicht das manchmal schon, um etwas anzustoßen. Auch wenn es langsam ist. Aber vielleicht muss es auch langsam sein. Große Veränderungen passieren ja selten von heute auf morgen. Und vielleicht ist genau das auch wieder ein Punkt, wo Kunst eine Rolle spielen kann, weil Kunst ja oft genau das macht: Dinge sichtbar machen, ohne sie direkt zu lösen.

© Lukas Gwechenberger

Regina: Wo siehst du Begegnungsmöglichkeiten für die Salzburger Öffentlichkeit, ähnlich den konsumfreien Begegnungsräumen in Wien?

Barbara: Die Stadt Salzburg hat sich, so wie ich sie kenne, seit ich hier aufgewachsen bin, und die ich seither immer wieder aus verschiedenen künstlerischen Projekten betrachten darf, vor allem auf Tourismus und die sogenannte Hochkultur ausgerichtet. Die Frage, wie man in dieser Stadt – und in anderen Städten ähnlicher Prägung und Größe – Räume öffnen kann, um auch alternative Initiativen anzuregen, hat mich in meiner künstlerischen Praxis immer wieder beschäftigt und angeregt. 

Als wir (Kollektiv transparadiso) das Stadtwerkareal Lehen geplant haben, konnten wir den FOTOHOF, der damals einen neuen Standort gesucht hat, gewinnen, in dieses neue Areal zu übersiedeln. Er führt seitdem dort nicht nur sein international herausragende Arbeit im Kunstkontext fort, sondern engagiert sich auch im Quartier und strahlt auf den weiteren Kontext aus, der nicht von Hochkultur geprägt ist. Dies ist ein sehr schönes Beispiel, welche Wirkungskraft Kunst im sozialen und gesellschaftlichen Kontext haben kann – und wie „Hochkultur“ und lokale Kultur zusammenwirken können. In Salzburg gibt es aber viele weitere kulturelle Initiativen und Institutionen, die herausragende Arbeit leisten und die Begegnungen zwischen verschiedenen Publika ermöglichen.

Veränderung findet meist unter „Leidensdruck“ statt, geprägt von innovativen Visionen, die aus der Initiative von einzelnen Personen oder Gruppierungen entstehen. Dann können auch aus kleinen Momenten weitreichende Veränderungen erfolgen.

Mathis: Also ich muss sagen, ich habe immer das Gefühl, mir fehlt das. Öffentliche Räume, in denen sich die Gesellschaft treffen und verbinden kann, haben eine ganz große Kraft und Energie und ein krasses Potenzial, um Sachen in einer Stadt und Gesellschaft zu bewegen.

Hannes: Das ist auch etwas, was oft unterschätzt wird. Es ist viel mehr als das. Es ist wirklich eine Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben. Und ich glaube, dass Städte das viel ernster nehmen müssten.

Cordula: Aber ich glaube, wir sind einfach viel zu gefestigt und viel zu bequem. Jeder denkt an sein eigenes Wohlergehen. Und deswegen glaube ich, sind wir noch lange nicht so weit. Da muss noch viel passieren. Ich weiß aber auch nicht, was. Dich will in dieser Stadt als Bürger:in niemand hören. Es gibt ein Kulturministerium, die machen, was sie dort für gut befinden und das war’s dann auch. Das Hauptinteresse ist egozentrisch, man ist auf sein eigenes Wohl bedacht. Aber letztlich bekommen wir Zufriedenheit nur durch Gemeinsamkeit, durch Zwischenmenschlichkeit. Und die nimmt ab. Wir leben in einem unglaublichen Luxus und verstehen es nicht. Wir tun auch nichts dafür, dass das, was wir haben, auch innerlich schön bleibt. Aber unsere Fassaden sind hübsch.

Regina: Wie können wir diese Kraft der Gemeinschaft fördern, neben öffentlichen Räumen und Interventionen?

Barbara: Kunst schafft Gemeinschaft und Kommunikation über soziale Grenzen hinweg. Sie ist kein Luxus, den man kaputtsparen kann, sondern eine Grundlage für gesellschaftliches Zusammenleben und für Menschlichkeit. Wenn diese Räume wegfallen, hat das massive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Für diese gesellschaftlich engagierte künstlerische Praxis braucht es die Unterstützung sowohl finanziell als auch inhaltlich, von verschiedenen Seiten, von der Politik, der Stadtverwaltung ebenso wie von Unterstützer:innen aus der Wirtschaft.

Hannes: Wenn solche Dinge nicht von selbst entstehen, dann braucht es genau solche Menschen, die darauf aufmerksam machen. Die sagen: „Hey, das fehlt.“ Und vielleicht ist das dann auch eine Form von Aktivismus, die gar nicht so laut sein muss, sondern einfach dadurch entsteht, dass man Dinge sichtbar macht.

© Lukas Gwechenberger

RN: Was unterscheidet deine Arbeit von „klassischem“ Aktivismus?

Barbara: Mein Ansatz ist indirekter, da ich skeptisch bin, Kunst für direkte Agenden einzusetzen. Es interessiert mich vielmehr, eine Sensibilität dafür zu erzeugen, Slogans oder Propaganda zu hinterfragen. Dafür schaffe ich Situationen, in denen Menschen angeregt werden, ihr Denken in Bezug auf vorgefasste Meinungen zu hinterfragen und zu handeln. Das nenne ich Stillen Aktivismus. Es geht nicht darum, eine Botschaft vorzugeben, sondern unterschiedliche Prozesse anzustoßen. Das entwickelt sich aus der jeweiligen Situation und den beteiligten Menschen. Konflikte und Reibung sind dabei wichtig. Sie führen dazu, dass man hinschaut und Dinge hinterfragt.

Cordula: Es ist nicht still. Still wäre, etwas nur in den Raum zu stellen. Aber sie gibt ja ganz bestimmte Dinge schon vor, schon allein durch ihre persönlichen Aussagen zu manchen Sachen. Es gibt keinen stillen Aktivismus. Es gibt Stille und es gibt Aktivismus. 

Mathis: Ja, vielleicht ist das dann auch der Moment, wo sich Aktivismus und Kunst wieder treffen. Nicht als etwas Lautes oder Forderndes, sondern als etwas, das Fragen stellt und Raum lässt. Ein Raum, in dem etwas passieren kann – aber nicht muss. Und das finde ich eigentlich einen sehr schönen Gedanken.

Regina: Wie in den Vorbereitungen zu deiner Arbeit zum Thema der Bauernkriege im Vogtturm in Zell am See. Du hattest sozusagen Reibung erzeugt durch deine Einwendungen und durch die Kritik an historischen Begrifflichkeiten …

Barbara: Nachdem ich mich in meiner künstlerischen Arbeit auch intensiv mit Sprache und „Übersetzung“ befasse, ist es mir wichtig und ich bin es gewohnt, die Bedeutung von Begriffen und den Sprachgebrauch zu hinterfragen. Es gehört für mich zum Alltag, ihre komplexen Bedeutungen und Interpretationen sichtbar zu machen oder auch umzuinterpretieren, um andere Visionen anzuregen – über „Verschiebungen“, Umdeutungen und „Fehlinterpretationen“. Sprache ist nie neutral, sie ist eine mächtige Macht und sie schafft Macht. Gerade die Kunst kann hier wesentlich zur Sensibilisierung beitragen. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu fördern, dass die Darstellung von Geschichte, was erwähnt und was ausgelassen wird, immer geprägt ist von der aktuellen Zeit und dem spezifischen Blickwinkel und Interesse einer Autor:in. In Bezug auf mein Projekt in Zell am See kann das Thema „Freude“ angesichts der aktuellen politischen Lage weltweit und der gesellschaftlichen Herausforderungen als missverständlich bis naiv interpretiert werden. In den Workshops haben wir jedoch festgestellt, dass Freude eine Grundlage für Bestärkung und Energie ist, um gemeinsam aktiv für soziale Werte einzutreten und um der gefühlten Ohnmacht entgegenzuwirken. Dann wird Freude zum Motor und Katalysator.

© Lukas Gwechenberger

Regina: Was willst du uns, den kommentierenden und lesenden Menschen mitgeben?

Barbara: Neugierig zu sein ist die Grundlage für Offenheit und Entwicklung. Dieses kindliche Nachfragen nach dem „Warum?“ ist maßgeblich. Es hilft, Dinge zu verstehen und weiterzudenken und sich nicht mit Stereotypen oder einfachen Antworten zufriedenzugeben. Neugierde ist eine enorm wichtige und unterschätzte Qualität. Wenn ich mich in Bereiche begebe, mit denen ich mich ansonsten nicht beschäftige, mich auf Dinge einlasse, ohne genau zu wissen, was dabei herauskommt und ob es etwas ‚bringt‘. Den Dingen auf den Grund gehen wollen, als Antriebskraft, aus der sich Dinge dann weiterentwickeln – noch ohne das Ergebnis zu kennen. Und das ohne ökonomischen Profit zu verfolgen. Diesen Freiraum müssen wir uns als Gesellschaft leisten wollen.

20. Mai bis 31. August 2026

WANN WENN NICHT JETZT 
Barbara Holub
Museum Vogtturm, Stadtplatz 8, 5700 Zell am See

Juni: Mittwoch bis Sonntag, 13 bis 18 Uhr | Juli, August: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr 

Die Projektreihe SIMULTAN ist eine Initiative des Landes Salzburg. Die Kulturinitiative periscope begleitet diesen Dialog von der Auswahl der Projekte und Standorte bis hin zur Präsentation und Dokumentation. Dieses Jahr beteiligt sich SIMULTAN thematisch an dem Gedenken an „500 Jahre Bauernkrieg“.